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Im Gespräch: E. L. Doctorow : Wie lebt es sich in Ihren Sätzen, Mister Doctorow?

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E. L. Docotorw, wie Burkhard Neie ihn sieht Bild: Burkhard Nele/xix

Für ihn selbst, sagt der amerikanische Autor E. L. Doctorow, sei New York nicht etwa die Szenerie für einen Roman, sondern das Leben: Ein Gespräch über das Desinteresse an der Wirklichkeit, die Einfalt des Internet und die Samenkörner der Literatur.

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          In einer der schönsten Straßen von Manhattan, mitten im Greenwich Village, hat der Schriftsteller E. L. Doctorow sein Büro in einem alten Backsteinhaus der New York University. Er unterrichtet hier an der Hochschule einmal in der Woche angehende Autoren und empfängt uns in bester Laune.

          Wir treffen uns in einem Haus, das älter ist als das Stadtpalais von Homer und Langley, den beiden Titelhelden Ihres letzten Romans. Würden Sie sich auch in einem jener durchsichtigen Glaswolkenkratzer wohl fühlen, wie sie heutzutage in Manhattan überall in die Höhe schießen?

          Dieses Gebäude hier war lange Zeit ein Townhouse in Privatbesitz, und die Frau, der es zuletzt gehörte, hat es dann der New York University vermacht. Es nennt sich jetzt „Creative Writing Center“. Studenten, die das Handwerk des Lyrikers und Romanschriftstellers erlernen wollen, kommen hier zusammen.

          Und Sie unterrichten diese Studenten dann einmal pro Woche in dem historischen Gebäude?

          Ja, aber ich kann mich jeder Umgebung anpassen. Sie stellen die Frage sicher, weil so viele meiner Romane in der Vergangenheit spielen. Im Grunde ist das immer der Fall, ob nun die Vergangenheit noch ganz nah ist oder schon lange zurückliegt.

          Homer und Langley sind die Nachkommen einer prominenten New Yorker Familie, der Collyers. Die beiden Brüder beerdigen sich buchstäblich unter all dem Gerümpel, das sie in ihrem Haus wie Schätze horten. Auf den ersten Blick ist das die Geschichte, die Sie in Ihrem Roman erzählen. Ich habe aber den Verdacht, Ihnen ging es dabei in Wirklichkeit um ganz etwas anderes.

          Dass die beiden Dinge gesammelt haben, war für mich in der Tat fast zweitrangig. Mich hat interessiert, dass sie aus einer wohlhabenden Familie stammten und in einer feinen Gegend wohnten und doch aus dem Leben um sie herum ausgestiegen waren. Es gab sie ja tatsächlich, diese Brüder Collyer. Sie gehörten zur New Yorker Stadtfolklore, als ich noch ein Kind war, also vor mehr als siebzig Jahren. Aber ich habe sie nun nicht als Außenseiter beschrieben, sondern wie einen Mythos behandelt. Also habe ich auch viel erfunden, denn man interpretiert einen Mythos, man erforscht ihn nicht.

          Was haben Sie denn erfunden?

          Bei mir haben Homer und Langley immer gute Gründe für das, was sie taten. Ich habe sie mir als Kuratoren der amerikanischen Zivilisation vorgestellt, nicht als Lumpensammler. Was sie zusammengetragen hatten, könnte als symbolisch für die Geschichte Amerikas im zwanzigsten Jahrhundert angesehen werden. Mit seiner Zeitungssammlung etwa wollte Langley herausfinden, was die grundlegenden Faktoren menschlichen Verhaltens sind, und dann seine eigene Zeitung herausbringen - eine einzige Ausgabe nur, die aber für immer und ewig Gültigkeit hätte. Mir hat dieser Gedanke gefallen.

          Der wirkliche Langley hatte das aber gar nicht vor?

          Nein, wir müssen vergessen, wie die Wirklichkeit aussah. Das interessiert mich nicht, das ist nichts Besonders. Jeden Tag kann man in New York oder auch anderswo auf der Straße Leute sehen, die irgendwelchen Krempel auflesen und nach Hause tragen.

          Will Ihr Langley nicht gerade mit all dem Krimskrams und den Zeitungsbergen Ordnung in sein Leben bringen, ja ihm erst einen Sinn verleihen?

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