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Im Gespräch: Der syrische Autor Rafik Schami : Die arabischen Diktatoren ähneln Kernkraftwerken

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Die arabischen Parteien wurden von der Entwicklung überrannt: Rafik Schami findet die Rebolution großartig Bild: Marcus Kaufhold

Rafik Schami hat lange ein düsteres Bild seines Heimatlandes gezeichnet. Jetzt ist der Schriftsteller überrascht, wütend und doch voller Hoffnung. Endlich sei der politische Frühling für Syrien angebrochen.

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          Herr Schami, Sie leben seit langem im deutschen Exil. Wie groß ist der Einfluss von Schriftstellern und Kulturschaffenden auf die Demokratisierung Syriens?

          Literatur und Kunst üben selten direkten Einfluss aus. Wenn sie es dennoch versuchen, hat das oft katastrophale Folgen für sie selbst. Die Rolle der Kunst und der Literatur, der Intellektuellen überhaupt, ist es, die Diskussion während der Revolution zu vertiefen, die Menschen zu ermutigen, einen humanen Weg einzuschlagen und die Hand auch den einstigen Feinden zu reichen. Sicher, unabhängige Gerichte müssen für eine gerechte Bestrafung jener Verbrechen sorgen, die die gestürzten Herrscher begingen. Aber nicht als Racheakt, sondern im Sinne eines demokratischen Reifungsprozesses.

          Gibt es Künstler, die sich politisch engagieren?

          Sicher, die meisten syrischen Künstler im Exil und auch einige im Land selbst sind gegen die Diktatur. Es gibt aber auch jene, die grundsätzlich mit Diktatoren liebäugeln und deren Subventionen kassieren. Dieselben Leute findet man später auf den Unterschriftenlisten der Umstürzler wieder. Jetzt veröffentlichen die Revolutionäre die Namen dieser korrupten Kriecher. Die arabischen Diktatoren ähneln Kernkraftwerken: Sie versprechen viel und verseuchen jeden, der mit ihnen in Berührung kommt. Es sind aber nicht nur Araber, die den Diktatoren dienten. Auch Deutsche und Europäer verführte das Geld, und sie wurden zu Handlangern von Saud, Assad, Gaddafi und Saddam Hussein. Bald, so hoffe ich, werden auch ihre Namen veröffentlicht. Ich kenne sie, aber ich habe Geduld zu warten, bis ihre Namen offiziell bekanntgegeben werden.

          Kaderparteien waren noch nie gut für Utopien: Unterstützer des syrischen Präsidenten Bashar Al-Assad in Damakus

          Baschar al Assad gehört der alewitischen Minderheit Syriens an. Kann Assad noch auf die Unterstützung durch die Alewiten setzen?

          Er spielt diese Karte gern aus und erpresst damit eine Minderheit, aus deren Reihen viele Freiheitskämpfer, Philosophen, Widerständler, Dichter und Schriftsteller kommen. Nein, im Gegenteil, viele seiner mörderischen Helfer und Handlanger sind Sunniten, Kurden, Christen, Tscherkessen, einfach charakterlose Syrer. Deshalb ist jeder Hass gegen die Alewiten dumm und gefährlich, weil er die radikale berechtigte Kritik in eine rassistische Hetze verwandelt.

          Gibt es auch unter den Alewiten demokratische Bestrebungen?

          Sicher, und viele von ihnen saßen und sitzen im Gefängnis. Sie wurden immer härter bestraft, weil sie Alewiten sind, weil sie dem Herrscher nicht den Gefallen getan haben, sein konfessionelles Spiel mitzuspielen.

          Der türkische Ministerpräsident Erdogan pflegt seit Jahren sehr gute Beziehungen zu Baschar al Assad. Für wie realistisch halten Sie es, dass Erdogan in Syrien vermittelt, so dass demokratische Reformen auf friedliche Weise eingeleitet werden können?

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