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Im Gespräch: der Historiker Götz Aly : Die Täter waren nicht primitiv

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Der Historiker Götz Aly Bild: dpa

Der Fall Hans Heinrich Eggebrecht ist typisch für den Verdrängungsprozess, in dem Intellektuelle ihre Verstrickung in NS-Exekutionen verdrängten. Eggebrechts musikwissenschaftliches Werk sollte auf Spuren dieser Zeit hin untersucht werden, meint der Historiker Götz Aly.

          Der Fall Hans Heinrich Eggebrecht ist typisch für den Verdrängungsprozess, in dem Intellektuelle ihre Verstrickung in NS-Exekutionen verdrängten. Es ist sinnvoll, Eggebrechts musikwissenschaftliches Werk auf Spuren dieser Zeit hin zu untersuchen, meint der Historiker Götz Aly im Interview.

          Man hat über den Fall Eggebrecht in den vergangenen Tagen hören können, die Beweiskette gegen ihn, was seine Anwesenheit bei dem großen Judenmassaker von Simferopol angeht und seine Hilfsdienste als Feldgendarm, sei zu dünn. Sehen Sie das auch so?

          Nein. Eggebrecht gehörte zur Feldgendarmerie auf der Krim; seine Einheit wurde dort bei einer dreitägigen Massenerschießung von 14.000 Juden eingesetzt, und sein Name kommt auch in den Ludwigsburger Ermittlungsakten zu diesem Verbrechen vor. Eggebrecht hat die Zugehörigkeit zur Feldgendarmerie in seinen späteren Lebensläufen systematisch verdunkelt, und das ist eigentlich ganz typisch. Wenn er in jenen Tagen nicht gerade mit einem verstauchten Fuß im Lazarett lag, ist seine Beteiligung an der Mordaktion ziemlich eindeutig.

          Halten Sie die Lektüre von Eggebrechts musikwissenschaftlichem Werk auf Spuren dieser Zeit und dieser Ereignisse hin für insgesamt plausibel?

          Ja. Ich denke, das ist ein produktives Verfahren. Ich habe es für Bevölkerungswissenschaftler und Historiker, zum Beispiel für Theodor Schieder, ebenfalls benutzt. Manchmal findet man Selbstdistanzierungen, aber auch, wie offenbar bei Eggebrecht, eine etwas verfremdete geistige Rückkehr zum Tatort. Schieder, der die Vertreibung von Polen und Juden gefordert hatte, ließen die Fragen nach seiner eigenen Vergangenheit nie mehr los. Der Abschlussband seiner Dokumentation über die Vertreibung der Deutschen erschien nie, weil das verlangt hätte, die eigene Rolle im Dritten Reich öffentlich zu reflektieren.

          Wie gestaltete sich die akademische professionelle Identität von Nationalsozialisten oder gar Tätern nach 1945?

          Eggebrecht galt im Freiburg der Jahre um 1968 als linksliberaler Professor. 1983 wendet er sich plötzlich Gustav Mahler zu. Das entspricht ziemlich genau der Zeitspanne, die auch meine Generation brauchte, um von dem Abstraktum „Faschismustheorie“ zur Erforschung konkreter NS-Biographien zu gelangen. Man kann das an der Geschichte von Raul Hilbergs Buch über die Vernichtung der europäischen Juden beobachten. Es lag 1967 dem Rowohlt-Verlag vor, der es nicht drucken wollte – dafür brachte er damals Studien en gros über den Rassismus in den Vereinigten Staaten. Hilbergs Buch ist 1982 bei Olle und Wolter erschienen, einem linksradikalen Verlag in West-Berlin. Das linksintellektuelle Milieu brauchte also rund fünfzehn Jahre, um wieder auf den deutschen Teppich der Geschichte zu kommen. Natürlich merkten auch die Hochschullehrer, dass nach der Zeit des Verdrängens die genauere Erforschung einzelner Lebensläufe einsetzte. Wer hat sich denn nun wirklich im Nationalsozialismus schuldig gemacht? Jedenfalls nicht nur dumme Rabauken. Deshalb scheint mir das Abscannen des Werks so interessant, gerade auch dort, wo Eggebrecht über Mahlers Soldatenlieder sinniert. In der Generation von Eggebrecht gibt es bestimmt 200.000 deutsche Männer, die direkt mit Massenexekutionen zu tun hatten und die diese Erfahrungen nicht mehr losgeworden sind.

          Es wird bei von Haken angedeutet, dass unter den Feldgendarmen in Simferopol auch der spätere Direktor eines Goethe-Instituts war.

          Durchaus möglich. Gerade in der Feldgendarmerie braucht man Leute, die denken können. Die Versuchung, sich die deutschen Judenmörder als ungebildete Brutalos vorzustellen, ist ungemein groß: Sie erlaubt uns Heutigen, uns leichter zu distanzieren und es uns auf der besseren Seite der Geschichte bequem zu machen. Tatsächlich führten die Gefolgsleute Hitlers, Rassenkrieger und Mörder, ganz überwiegend ein unauffälliges, normales und modernes Leben. Aus meiner Erfahrung an der Freien Universität in Berlin ist einer der interessantesten Fälle Johannes Agnoli, der zum Mentor der Studentenrevolte wurde. Gebürtiger Italiener, meldete er sich 1943 freiwillig zur Wehrmacht und wurde – das hat er nie erzählt – rund 15 Monate bei der Partisanenbekämpfung in Jugoslawien eingesetzt. Vergeltungsaktionen, Geiselerschießungen und Morde an Zivilisten geschahen dort täglich. Anschließend geriet Agnoli für zwei Jahre in britische Kriegsgefangenschaft und ließ sich nach Deutschland repatriieren. So wurde aus Giovanni flugs Johannes Agnoli, der Mann, der ein maßgebliches Buch für den Radikalisierungsprozess der Studentenbewegung von 1968 schrieb. Der damalige Innenpolitikchef der Süddeutschen Zeitung, Hans Schuster, wurde 1938 mit dem Werk „Die Judenfrage in Rumänien“ promoviert. Ähnliches finden Sie in der deutschen Geistesgeschichte nach 1945, wo auch immer sie hinblicken.

          Der Berliner Historiker über den Fall Eggebrecht und die späteren akademischen Karrieren von Nationalsozialisten in der Bundesrepublik.

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