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Im Gespräch: der Duftkritiker Luca Turin : Wie riecht unser Jahrzehnt?

  • Aktualisiert am

Szene aus dem Film „Das Parfum” von Tom Tykwer Bild: picture-alliance/ dpa

Der Biophysiker und Duftforscher Luca Turin hat den ersten Parfümführer der Geschichte geschrieben, in dem er fast 1500 Düfte im Stile eines Gastronomiekritikers bewertet. Eine Offenbarung für alle, die nicht gerne schlecht riechen.

          Der Biophysiker und Duftforscher Luca Turin hat den ersten Parfümführer der Geschichte geschrieben, in dem er fast 1500 Düfte im Stile eines Gastronomiekritikers bewertet. Eine Offenbarung für alle, die nicht gerne schlecht riechen.

          In Ihrem Buch bewerten Sie Parfüms in Kurzrezensionen, wie man das sonst von Weinen oder Filmen kennt. Sie haben dabei zusammen mit Ihrer Co-Autorin Tania Sanchez, die gleichzeitig Ihre Frau ist, eine Sprache für etwas gefunden, das ich immer für unbeschreiblich hielt: Gerüche.

          Ich glaube gar nicht, dass wir das getan haben. Ich glaube vielmehr, dass die Leute immer denken, ein Duft ist halt ein Duft, aber das stimmt nicht: Ein Duft ist eine Botschaft des Menschen, der ihn trägt. Eine Rose zu beschreiben mag schwierig sein, aber ein Parfüm wurde von jemandem kreiert, der eine Absicht hatte. Wir beschreiben nicht den Duft, sondern die Absicht. Insofern ist es eigentlich ganz einfach.

          Ein genialer Duft, der leider auch Kopfschmerzen provoziert und daher verboten wurde: Mitsouko

          Sie schreiben zum Beispiel über ein Parfüm, es rieche nach Papier. Ich weiß, was Sie meinen, aber: wie riecht Papier? Meine Vorstellung endet leider bei dem bloßen Wort.

          Papier riecht sehr essbar. Ich weiß nicht, ob Sie es schon einmal bemerkt haben, aber alte Bücher riechen eigentlich nach Vanillekuchen. Wenn Sie einen Laden mit alten Büchern betreten, fällt Ihnen vielleicht auf, dass es schwül riecht, nach kompostiertem Holz. Das ist ein sehr appetitlicher Geruch, man möchte die Bücher fast essen - der Grund ist ein chemischer: Lignin, der Stoff, der pflanzliche Stoffe fest macht, ist ein Polymer, das aus Substanzen besteht, die dem Vanillin nahe verwandt sind.

          Über „Vol de Nuit“ von Guerlain schreiben Sie: „Es verschafft mir den Spaß, den Kitzel der Vorfreude, das Gefühl von unversperrtem Raum und messerscharfer Klarheit, das ich bekomme, wenn ich mich bei einem Symphoniekonzert auf meinen Platz setze und die Musiker stimmen höre.“ Geht bei Ihnen im Kopf ein Film los, wenn Sie ein Parfüm riechen?

          Nur bei den guten. Bei den meisten Parfüms denke ich eher: Oh mein Gott, wie konnten sie so was machen, welcher zynische Idiot tut so etwas?

          Wann haben Sie festgestellt, dass Sie eine gute Nase haben?

          Ich habe ein gutes Gehirn, aber keine gute Nase. Sie und ich und jeder Mensch kann riechen, was ich riechen kann.

          Das glaube ich nicht. Leider. Ich hatte zum Beispiel eine Zeitlang „Feu D'Issey“ von Issey Miyake, aber erst, als ich Ihre Rezension gelesen habe, wurde mir klar, wonach es gerochen hat: „Frisches Baguette, Limonenschale, saubere nasse Bettwäsche, Duschgel, heiße Steine, salzige Haut“ - sogar einen flüchtigen Hauch Vitamin-B-Pillen wollen Sie herausgerochen haben.

          Aber das hat nichts damit zu tun, dass ich mehr rieche. Ich habe einfach in den achtziger Jahren damit begonnen, Parfüms zu sammeln. Und wenn ich etwas mag, kann ich anderen damit ziemlich auf die Nerven gehen. Ich habe meinen Freunden ständig Parfüms unter die Nase gehalten, hier, riech mal, riecht das nicht soundso? Und irgendwann waren sie so genervt, dass sie sagten, schreib einfach ein Buch darüber und hör auf, uns damit zu belästigen.

          Kann man Parfüms überhaupt benoten? Ist es nicht eine Frage von Geschmack, ob ein Parfüm gut ist oder schlecht?

          Nein! Und ja, natürlich ist es das. Es geht zu hundert Prozent um Geschmack, aber wir alle stimmen mit unseren Urteilen überein.

          In den Achtzigern waren vor allem bombastisch süße Düfte wie „Poison“ in Mode. Die Neunziger rochen dann eher sportlich frisch, nach „CK On“ . . .

          Ah, „CK One“! Das war ein wahrer Geniestreich. Es ist ein leiser Duft, der sich im Hintergrund hält, aber wenn man in einen Raum kommt, in dem jemand „CK One“ trägt, bemerkt man es sofort. Es ist sehr schwer, so etwas herzustellen.

          Wie riecht unser Jahrzehnt?

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