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Im Gespräch: Daniel Kehlmann : In wie vielen Welten schreiben Sie, Herr Kehlmann?

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War dieses Buch schwieriger zu schreiben als Ihre vorigen, weil Sie sich mehr unter Druck fühlten? Oder hat der Erfolg der „Vermessung der Welt“ Sie im Gegenteil freier gemacht?

Natürlich macht es Spaß, Erwartungen zu unterlaufen. Wenn man wirklich realisiert, dass der Vorteil eines Bestsellers darin liegt, dass man nie wieder einen Bestseller schreiben muss, dass der Bestseller eine Art Querfinanzierung von allem ist, was einem an seltsamen Dingen künftig einfallen mag, so hat das etwas unglaublich Befreiendes. Und ich habe es auch als befreiend empfunden, dass „Ruhm“ so anders ist als die „Vermessung der Welt“. Es ist ein zersplitterter, multiperspektivischer Roman und insofern wirklich das Gegenteil der festgefügten Einheit der „Vermessung“.

Im Buch sind fast alle unterwegs, auf Promotiontour, Lesereise, Dienstreise, Pressereise. Warum war dieses ständige Reisen so wichtig?

Sicher nicht nur, weil ich selbst viel unterwegs war. Es geht eben in „Ruhm“ um die sich jetzt gerade ereignenden Veränderungen unseres Lebens. Menschen sind heute viel mehr auf Reisen als noch vor ein paar Jahren. Raum ist zu etwas anderem geworden: Man ist selbst ständig woanders, und zugleich führt man zu jedem Zeitpunkt ein Dutzend Konversationen mit Leuten, die über die halbe Welt verteilt sind. Das sind alles keine oberflächlichen Veränderungen. Was wir da mitmachen, ist eine große seelische Umwälzung.

Erleben Sie unsere zunehmende Abhängigkeit von der Technik als totale Entfremdung?

Heidegger konnte selbst noch gar nicht wissen, wie sehr er recht haben würde mit seiner Analyse, dass wir einer technischen Lebenswelt überantwortet sind, der wir nicht entkommen können, weil das eben keine Verschwörung ist, sondern eine immanente Entwicklung der Dinge. Heideggers Antwort wurde ja zur legendären „Spiegel“-Schlagzeile: „Nur ein Gott kann uns retten.“ Ich befürchte immer mehr, dass das stimmt und dass wir tatsächlich eine Entwicklung erleben, die keinen Ausweg hat – oder wenn, dann nur einen Ausweg, den wir nicht wollen können, nämlich einen Totalzusammenbruch des Systems, eine ungeheure Katastrophe oder einen Weltkrieg. Sowohl im Beruflichen, wo man für Vorgesetzte inzwischen immer erreichbar sein muss, als auch im Privaten kann man ja nicht mehr entfliehen – und meistens will man es auch gar nicht, weil man von dieser Technik ja gleichzeitig profitiert.

Aber so vieles ist jetzt schon irreversibel anders geworden. Goethe gerät in Weimar in eine zunehmend unerträgliche Situation mit Frau von Stein und haut kurzerhand nach Italien ab, hinaus aus der Enge und den Beziehungsnöten – das geht heute schon nicht mehr, weil man ja das Handy mitnimmt und die Beziehungsprobleme einem folgen und man die Mails auch anderswo abfragen muss, sonst sind alle gekränkt und man verliert seinen Job. Die Maschen des Netzes werden immer enger. Wenn es überhaupt einen Ausweg gibt, dann wird dieser nur Einzelnen offenstehen – als Luxus für reiche Erben.

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