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Im Gespräch: Daniel Kehlmann : In wie vielen Welten schreiben Sie, Herr Kehlmann?

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Oder auf das Schreiben. Auf Macht und Ohnmacht des Erfinders.

Ein wichtiges Thema ist die Brutalität des Autors gegenüber seinen Figuren. So hadert in der eben angesprochenen Geschichte Rosalie, eine todkranke alte Frau, mit dem Autor Leo Richter, der sie erschaffen hat. Sie fragt, warum sie das erdulden muss. Hat man als Schriftsteller Verantwortung für seine Figuren, oder ist Schreiben eine amoralische Tätigkeit?

Schreiben ist eine amoralische Tätigkeit. Man sollte versuchen, im Leben einigermaßen anständig zu sein, aber Schreiben ist etwas Brutales und Rücksichtsloses, da hilft nichts. Zum einen ist es rücksichtslos gegenüber den Menschen, die einen umgeben, etwa – das macht Leo Richter oft und ich nur selten – indem man ihr Leben für Geschichten verwendet, zum anderen aber auch einfach deshalb, weil man beim Schreiben Wahrheiten aussprechen muss, die man normalerweise lieber aus Rücksicht verschweigen würde. Und dann gibt es natürlich die Brutalität den Figuren gegenüber, die man erfindet, um ihnen das Leben schwerzumachen. Das ist ein Hauptthema von „Ruhm“: Leo tut es mit Rosalie, und ich tue es mit Maria Rubinstein in „Osten“, und am Schluss tut Leo es sogar mit seiner Geliebten Elisabeth, die sich durch seine Schuld allein in einer gefährlichen Situation wiederfindet.

Könnte man das als Hyperfiktion bezeichnen?

Vielleicht. Es ist ein Spiegelkabinett aus Geschichten.

Wie sind Sie bei der Arbeit an diesem Buch vorgegangen? Haben Sie an mehreren Geschichten zugleich gearbeitet, oder hat sich die enge Verzahnung erst beim Schreiben entwickelt?

Die Idee des Ganzen war zuerst da. Ich bin viel spazieren gegangen und habe Pläne im Kopf entworfen, Pläne des Zusammenspiels der Episoden. Ich hatte dann zunehmend ein Gefühl für das architektonische Gefüge. Dann erst kamen die Geschichten selbst. Nur „Rosalie geht sterben“ hatte ich schon lange mit mir herumgetragen. Es ist wahrscheinlich meine beste Geschichte, und ich habe sie Leo Richter geschenkt.

Leo Richter erklärt Rosalie, das sei eine „theologische Geschichte“.

Wenn ein Autor Figuren entwirft, damit sie es schwer haben, ist das ja auf einer höheren Ebene auch das, wovon wir uns vorstellen, dass Gott es mit uns macht, dass unser Leiden einen Sinn hat und dass es eben nicht anders möglich ist. Aber die Frage bleibt: Könnte es nicht trotzdem anders sein? Wo ist die Gnade, wieso ist das Erbarmen nicht mächtiger als der Plan? Ein dramaturgisches Problem, in dem sich ein theologisches verbirgt. In „Rosalie geht sterben“ war aber das Wichtigste, dass die Geschichte darüber nicht zu abstrakt werden durfte. Es musste eben immer auch um eine wirkliche Frau und ihr Schicksal gehen. Metafiktionales Spiel allein ist zu wenig. Die Arbeit daran ist mir sehr nahegegangen. Es gibt mehrere komische Episoden in „Ruhm“, aber diese gehört nicht dazu.

Wer ist der seltsame Typ mit der roten Mütze, der plötzlich auftaucht? Ein Stellvertreter des Autors, von Gott?

Ich weiß nicht genau. Er ist ein irrationales Element. Strenge Konstruktion muss auch immer wieder gebrochen und gestört werden, wie im Leben. Er ist außerdem der seltsame Autostopper aus „Ich und Kaminski“. Der Kerl kommt immer wieder vor in meinen Büchern. Keine Ahnung, wer er ist und was er will!

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