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Im Gespräch: Daniel Kehlmann : In wie vielen Welten schreiben Sie, Herr Kehlmann?

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Und dann gibt es ja auch Gegengeschichten wie die des Schauspielers Ralf Tanner, in der Sie erzählen, wie einer aus seinem Leben hinausfällt ...

Aus seinem Leben und seinem Ruhm. Die Geschichte ist eine kleine Buñuel-Hommage, eine Verbeugung vor dem klassischen Surrealismus. Beim Schreiben habe ich immer wieder Buñuels „Das Phantom der Freiheit“ gesehen, da gibt es auch diese Figurenverdoppelungen. Am Ende steht Tanner ja ganz buchstäblich sich selbst gegenüber.

Jede der Geschichten in „Ruhm“ ist in einem anderen Stil geschrieben. Sind das alles auch Hommagen an Autoren, die Ihnen wichtig sind?

Eher an unterschiedliche Formen der Kurzgeschichte. Der graue Raymond-Carver-Realismus am Anfang ist zum Beispiel eine kalkulierte Täuschung, das Buch biegt dann plötzlich in eine andere Richtung ab. Aber alle Geschichten sind eng verbunden, und das Ganze ist keine Sammlung, sondern wirklich ein Roman.

War die Ausgangsidee also das Spiel mit der Form?

Ja, ein Experiment in Struktur. Der Ausgangspunkt war ein formaler. Es gibt ja diese schöne Tradition der verbundenen Kurzgeschichten, wo in einer Erzählsammlung ein paar Figuren wiederkehren, ein paar Verbindungen da sind. Meine Idee war nun, das wesentlich weiter zu treiben und zu verdichten, oder anders gesagt: die Form des Episodenfilms auf den Roman zu übertragen – also einen Roman zu schreiben, der aus Episoden besteht, jede abgeschlossen, aber alle eng zusammengehörend in einem großen Bogen.

... und es dem Leser zu überlassen, diese Verbindungen selbst herzustellen.

Man kann sie natürlich auch ignorieren. Jede Geschichte außer der letzten funktioniert auch für sich allein.

Dann würde man aber viel versäumen. Für mich ist das Buch wie ein Kreis gebaut, wo man am Ende wieder von vorne anfangen muss, um gewissermaßen bei jedem Rundgang neue Spuren zu sammeln.

Ja – das Erste, was passiert, ist, dass ein Handy läutet, und das Letzte, was passiert, ist, dass ein Handy läutet. Nur läutet es zum Schluss in einer Region, wo es keinen Empfang gibt und es gar nicht läuten könnte ... Das Buch hat nur zweihundert Seiten, aber es geschieht wesentlich mehr, als erzählt wird, es passiert eine Menge in den Lücken und Zwischenräumen. Durch die untergründigen Verbindungen zwischen den Episoden gibt es viele Zusammenhänge, die man erraten muss.

Dabei darf man sich allerdings nicht nur linear in der Handlung bewegen, sondern muss auch die Ebene wechseln – wenn ein Schriftsteller etwa von einem Schriftsteller erzählt, der eine Geschichte schreibt, in der eine seiner Figuren ihn zur Rechenschaft zieht ...

Das war noch eine wichtige Idee: dass die Episoden sich auf unterschiedlichen Ebenen der Fiktionalität ereignen. Es gibt diesen Schriftsteller namens Leo Richter, und manches stammt, innerhalb der Logik des Buches, nicht von mir, sondern von ihm – etwa die dritte Geschichte, „Rosalie geht sterben“.

Und der Leser zieht selbst noch den dritten Boden ein, weil er ja weiß, dass Sie das Buch geschrieben haben.

Und auch das wird wiederum thematisiert, wenn etwa Leos Figur ihn auslacht, weil er sich einbildet, wirklich zu existieren.

Das kann man, auf selbstironische Art, als Hymne aufs Lesen und Gelesenwerden verstehen.

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