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Im Gespräch: Bei Ling : Bringt das Internet die Revolution in China, Herr Bei?

  • Aktualisiert am

Bild: Burkhard Neie / xix

Der chinesische Dissident Bei Ling lebt als Schriftsteller in den Vereinigten Staaten. Der Kontakt zu seinem Heimatland findet ausschließlich über das Internet statt - wie auch unser Gespräch.

          6 Min.

          China hat eine lange Tradition der Internetüberwachung. Seit einiger Zeit jedoch gibt es den Microblogging-Dienst Weibo. Während des großen Zugunglücks in Wenzhou wurde darüber sehr offen im Netz kommuniziert. Sehen Sie eine Demokratisierungsbewegung mit diesen neuen Echtzeitwerkzeugen im Internet?

          Technische Mittel können nie direkt eine demokratische Entwicklung begründen. Aber das Internet ist in jedem Fall ein Mittel, um Menschen dabei zu helfen, mehr zu wissen und mehr zu sehen über die verschiedenen Lebenssituationen anderer Menschen. Die Regierung kann einige Informationen ausfiltern, aber sie kann nie alles ausklammern. Vor allem mit dem Dienst von Weibo können sehr viele Chinesen viel schneller und direkter erfahren, was um sie herum passiert. Auf diese Weise hat sich die ganze Situation in China in den letzten Jahren enorm verändert. Dies hat nicht direkt etwas mit Demokratisierung zu tun, sondern eher mit Freiheit - mit dem freien Zugang zu Informationen. Die Leute haben jetzt offenere Augen und offenere Ohren. Aus meiner Perspektive ist diese Freiheit viel wichtiger. Zuerst muss es Freiheit geben, dann wird die Demokratie folgen. Diktaturen werden zerstört durch den Willen zur Freiheit. Das ist der Grund, warum in China der freie Zugang zu Informationen noch immer stark beschränkt wird.

          Aber der größte beschränkende Faktor in China ist doch, dass so wenig Leute Geld für einen eigenen Computer und einen funktionierenden Internetanschluss haben, oder nicht?

          Ja, auch. Ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung können mit eigenen Mitteln täglich auf das Internet zugreifen. Aber mittlerweile nutzen rund weitere vierzig Prozent der Chinesen den Zugang von Bekannten, Nachbarn oder in Internetcafés, die „Wangba“ heißen. Das bedeutet, dass die Hälfte der Menschen in meinem Heimatland noch vom Internet ausgeschlossen ist. Aber trotzdem können gerade die zehn Prozent, die einen privilegierten Zugang haben, eine Menge ändern. Sie könnten der Kern einer Protestbewegung oder gar einer Revolution werden.

          Was meinen Sie mit Revolution? Im Frühjahr haben viele Chinesen mit den „Sunday Walks“ - die durch den arabischen Frühling inspiriert waren - eine friedliche Form des Protestes gewählt, der auch über das Internet koordiniert wurde. Die Regierung hat diesem Treiben aber sehr schnell ein Ende bereitet.

          Man kann auch nicht einfach eine Aktion in einem Land für ein anderes kopieren. China ist enorm groß und kann deshalb nicht ein Modell von außen übernehmen. Wenn es eine Jasmin-Revolution in China geben soll, dann muss sie auch dort initiiert werden. Sie muss von den Menschen und ihrer Situation ausgehen. Aber vielleicht ist die Befreiung der Information durch die neuen Werkzeuge schon eine Vorstufe zu so einer Revolution.

          Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas sieht im Internet eine Möglichkeit, eine Art Gegenöffentlichkeit zu etablieren, in der viele Stimmen und Meinungen ausgetauscht werden können. Ist die Diskussionsplattform durch die neuen Echtzeitdienste in China eine solche Grundlage für gesellschaftlichen Austausch?

          Selbstverständlich. Und es geht in den vielen Diskussionen im chinesischen Internet nicht nur um Politik. Habermas hat hier völlig recht: Das Internet kann auf diese Weise eine ganze Gesellschaft verändern. Man sieht das aktuell bei der jungen Generation, für die diese Art der Kommunikation völlig normal und Teil ihres Alltags ist. Es geht dabei eben nicht darum, wie man das Regime loswerden kann. Sie verändert einen ganzen Lebensstil, und das umfasst mehr als nur Politik. Schon die Tatsache, dass die Menschen etwas wie Weibo haben, um über was auch immer direkt und unzensiert miteinander zu reden, bedeutet einen großen Gewinn an Freiheit. Auch wenn nachher viele Beiträge herausgefiltert werden.

          Wir wissen, dass es für die chinesische Regierung immer schwerer wird, das Internet innerhalb Chinas zu kontrollieren. Aber Sie leben als Schriftsteller im amerikanischen Exil. Und der Informationszufluss von außen nach China ist noch immer sehr beschränkt. Wie kommunizieren Sie mit Ihren Freunden, Kollegen und Lesern in China?

          Lassen Sie es mich mit einem Beispiel erklären: Ich hielt Mitte Oktober anlässlich der Frankfurter Buchmesse einen Vortrag über mein neues Buch, das im Jahr 2012 erscheinen wird. Es geht darin um mein Leben als Exilschriftsteller. Radio Free Asia hatte einen ausführlichen Bericht darüber gebracht. Aber diesen Sender kann leider niemand in China hören; die Website von Radio Free Asia ist dort gesperrt. Deshalb habe ich den Text des Vortrags an zweihundert Freunde in China geschickt - per E-Mail. So haben Universitätsprofessoren, Autoren, Künstler und andere Intellektuelle diesen Text bekommen und können darüber dann innerhalb von China relativ frei diskutieren. Sie posten den Text über Portale wie sina.com oder sohu.com und diskutieren darüber lokal oder in ihren eigenen Blogs mit Lesern und Freunden.

          Sie können also auf diese Weise in Ihrem Heimatland gewissermaßen publizieren?

          Nein, das nicht. Ich schicke nur E-Mails mit kurzen Texten. Ganze Bücher von mir werde ich nicht hinsenden. Ich publiziere dort nicht, sondern es wird über meine Texte diskutiert. Ich bin ja nicht verrückt und schicke dort einfach meine Bücher hin. Das ist eine Frage des Copyrights. Das hält der Suhrkamp Verlag. Ich schicke einfach meine Texte per E-Mail an Freunde, und sie diskutieren sie im Netz.

          Die Regierung verzichtet also darauf, die E-Mails von Personen wie Ihnen, die sie nicht mal mehr ins Land lassen, zu filtern?

          Wie sollte sie das machen? Ich schicke Nachrichten an zweihundert Leute, und eine E-Mail können sie nicht stoppen - nicht immer und nicht an alle jedenfalls. Auf diese Weise gelangen meine Gedanken nach China.

          Aber ist es nicht gefährlich für Intellektuelle, Ihre Ideen öffentlich im Internet zu diskutieren?

          Nein, so ist China nicht mehr. Wir leben ja nicht mehr in den sechziger Jahren zu Zeiten der Kulturrevolution. Es ist völlig in Ordnung, über Schriftsteller zu reden, die im Exil leben. Außerdem will die Regierung ja gar nicht absolut alles kontrollieren. Sie könnte es auch nicht.

          Zumindest Ihre Gedanken können also frei einreisen. Macht das Internet auf diese Weise die Distanz zur Heimat eher kürzer oder länger. Scheinbar ist China ja für Sie nun sehr nahe.

          Für mich ist das Internet wie mein Baby. Ich bin oft mehr als zehn Stunden am Tag online. Ich lese und schreibe dort sehr viel. E-Mails nutze ich immer und beobachte täglich viele chinesische Zeitungen und Blogs. Außerdem kann ich ja auf diese Weise mit jedem sprechen: Mit Skype kann ich in China Bekannte anrufen und frei reden. Sogar die Gebühren für Telefongespräche sind so niedrig, dass man gut in Kontakt bleibt. Wir haben also mittlerweile viele Wege, um die Distanz zu überbrücken. Ich habe daher den Eindruck, dass ich - obwohl seit zehn Jahren in den Vereinigten Staaten lebend - meinem Heimatland heute näher bin als noch vor ein paar Jahren. Weil ich jetzt wirklich einen umfassenden Zugang zu allen Informationen habe.

          Zumindest in Ihrem Fall könnte man dann behaupten, dass die chinesische Regierung die Kontrolle über das Internet gar nicht hat.

          Sie kontrolliert ja nicht das Internet, sondern nur einige Websites. Also sie blockiert die externen Inhalte, die sie nicht im Land haben will. Chinesen können sich zum Beispiel nicht auf den Websites der „New York Times“ informieren. Aber wenn jemand dieselben Inhalte per E-Mail an bestimmte Leute in China schickt, dann kann die Regierung das einfach nicht kontrollieren. Außerdem nutzen viele Chinesen für E-Mail-Kontakte gar nicht mehr die klassischen chinesischen Firmen wie 136.com, sina.com oder andere. Sie melden sich lieber bei ausländischen Diensten wie Gmail oder Yahoo an und umgehen so die staatlich geduldeten Unternehmen.

          Wie groß ist denn der staatliche Einfluss auf diese privaten Firmen? In Europa wissen viele gar nicht, dass sechs der 25 weltweit größten Internetfirmen aus China kommen. Sie stellen eine große Marktmacht dar.

          Sie sind nie ganz privat. Der Staat kontrolliert sie auf die eine oder andere Weise. Die geringste Form dabei ist eine Art Selbstzensur, die die Firmen sich auferlegen, weil sie gute Geschäfte machen wollen. Mit der einen Hand geben sie neue Freiheiten im Kleinen, und mit der anderen verhindern sie die Ausbreitung dieser neuen Freiheiten. Baidu als die bekannteste chinesische Suchmaschine blockiert ja selbst einiges an Informationen. Die Betreiber können aber auch nicht verhindern, dass Informationen durchsickern. Sie würden zum Beispiel den Text meiner Rede auf der diesjährigen Buchmesse blockieren. Aber dass ich dort gesprochen habe und dass es in China Diskussionen über diese Rede gibt, das könnten sie kaum herausfiltern. Und bei einigen Diensten kann man sogar glaubwürdig behaupten, dass sie gern mehr Informationen verbreiten würden, wenn sie nicht Repressalien vom Staat befürchten müssten. Im schlimmsten Fall wird ihnen die Geschäftstätigkeit verboten. Die Kultur der Angst umfasst auch die großen Firmen.

          Sprechen wir von den kulturellen Umwälzungen in China. Nicht nur durch das Internet hat sich viel verändert. Die Städte wachsen in rasendem Tempo. Auf dem Land aber bleibt alles beim Alten. Zerbricht da nicht eine Kultur durch die Modernisierung? Und forciert das Internet diese Entwicklung nicht sogar noch?

          Wir hatten so einen Bruch bereits durch die Kulturrevolution. Der damalige Bruch war so grundlegend für die chinesische Kultur, dass man die aktuellen Entwicklungen nur vor diesem Hintergrund verstehen kann. Gerade im lokalen Zusammenhang ist der kulturelle Neuaufbau besonders schwer - eben weil die alten Traditionen vergessen, zerstört und begraben wurden. Die Zivilgesellschaft bedient sich daher westlicher Werte und Traditionen. Die westliche Kultur ist an vielen Stellen gut vereinbar mit den alten Werten der chinesischen Geschichte. Insofern ist die Modernisierung nicht das eigentliche Problem des Landes. Das Teilen von Ideen, Informationen und gemeinsamer Aktion im Sinne der Gemeinschaft sind Werte, die wir alle gemeinsam haben.

          Worin besteht denn dann das eigentliche Problem?

          Was wir brauchen, ist weniger eine politische Neubestimmung. Die ist auch wichtig. Aber wir müssen in meiner Heimat vor dem Hintergrund der ausradierten chinesischen Kulturgeschichte ein ganz neues kulturelles Leben erschaffen. Gerade die Intellektuellen versuchen mit großer Anstrengung der Bevölkerung klarzumachen, dass es eben nicht nur um Erfolg und Reichtum gehen kann, wenn Chinesen ein neues, schönes Land aufbauen wollen. Es geht um Kultur. Es geht um die Lebensqualität. Es geht um Geschmack. Viele Chinesen fühlen, dass da etwas fehlt.

          Und wie verhält sich die chinesische Regierung dazu?

          Die Regierung ist nur auf den wirtschaftlichen Erfolg fokussiert und produziert auf diese Weise viel Schaden im Land. Die Bevölkerung merkt das - nicht zuletzt durch das Echtzeit-Internet. Deshalb wird genau darüber sicher etwas in der Gesellschaft passieren. Ich sage nicht, dass damit die Revolution beginnt. Aber das Internet ist ein sehr sensibler Faktor in der aktuellen Situation Chinas.

          Zur Person

          Bei Ling wird am 28. Dezember 1959 in Schanghai geboren. Schule und Universität absolviert er in Peking. 1988 reist er erstmals in die Vereinigten Staaten.

          Dort wird er von der Nachricht der Studentenunruhen vom Frühjahr 1989 in Peking überrascht. Bei Ling entschließt sich, in Amerika zu bleiben, und gründet dort das Literaturmagazin „Tendency“.

          Als er im Jahr 2000 erstmals eine Ausgabe von „Tendency“ auch in China publiziert und dazu in seine Heimat reist, wird er verhaftet. Interventionen prominenter Schriftsteller aus der ganzen Welt führen zu seiner Freilassung und Abschiebung aus China.

          Seitdem lebt Bei Ling abwechselnd in den Vereinigten Staaten und Taiwan. Gemeinsam mit dem späteren Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo gründet er 2001 den unabhängigen chinesischen PEN-Club.

          Im Jahr 2009 nimmt Bei Ling trotz Protesten aus China an einer Diskussion anlässlich des chinesischen Gastlandauftritts auf der Frankfurter Buchmesse teil. Im kommenden Jahr werden seine Erinnerungen „Ausgewiesen – Über China“ erscheinen.

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