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Im Gespräch: Bei Ling : Bringt das Internet die Revolution in China, Herr Bei?

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Wie groß ist denn der staatliche Einfluss auf diese privaten Firmen? In Europa wissen viele gar nicht, dass sechs der 25 weltweit größten Internetfirmen aus China kommen. Sie stellen eine große Marktmacht dar.

Sie sind nie ganz privat. Der Staat kontrolliert sie auf die eine oder andere Weise. Die geringste Form dabei ist eine Art Selbstzensur, die die Firmen sich auferlegen, weil sie gute Geschäfte machen wollen. Mit der einen Hand geben sie neue Freiheiten im Kleinen, und mit der anderen verhindern sie die Ausbreitung dieser neuen Freiheiten. Baidu als die bekannteste chinesische Suchmaschine blockiert ja selbst einiges an Informationen. Die Betreiber können aber auch nicht verhindern, dass Informationen durchsickern. Sie würden zum Beispiel den Text meiner Rede auf der diesjährigen Buchmesse blockieren. Aber dass ich dort gesprochen habe und dass es in China Diskussionen über diese Rede gibt, das könnten sie kaum herausfiltern. Und bei einigen Diensten kann man sogar glaubwürdig behaupten, dass sie gern mehr Informationen verbreiten würden, wenn sie nicht Repressalien vom Staat befürchten müssten. Im schlimmsten Fall wird ihnen die Geschäftstätigkeit verboten. Die Kultur der Angst umfasst auch die großen Firmen.

Sprechen wir von den kulturellen Umwälzungen in China. Nicht nur durch das Internet hat sich viel verändert. Die Städte wachsen in rasendem Tempo. Auf dem Land aber bleibt alles beim Alten. Zerbricht da nicht eine Kultur durch die Modernisierung? Und forciert das Internet diese Entwicklung nicht sogar noch?

Wir hatten so einen Bruch bereits durch die Kulturrevolution. Der damalige Bruch war so grundlegend für die chinesische Kultur, dass man die aktuellen Entwicklungen nur vor diesem Hintergrund verstehen kann. Gerade im lokalen Zusammenhang ist der kulturelle Neuaufbau besonders schwer - eben weil die alten Traditionen vergessen, zerstört und begraben wurden. Die Zivilgesellschaft bedient sich daher westlicher Werte und Traditionen. Die westliche Kultur ist an vielen Stellen gut vereinbar mit den alten Werten der chinesischen Geschichte. Insofern ist die Modernisierung nicht das eigentliche Problem des Landes. Das Teilen von Ideen, Informationen und gemeinsamer Aktion im Sinne der Gemeinschaft sind Werte, die wir alle gemeinsam haben.

Worin besteht denn dann das eigentliche Problem?

Was wir brauchen, ist weniger eine politische Neubestimmung. Die ist auch wichtig. Aber wir müssen in meiner Heimat vor dem Hintergrund der ausradierten chinesischen Kulturgeschichte ein ganz neues kulturelles Leben erschaffen. Gerade die Intellektuellen versuchen mit großer Anstrengung der Bevölkerung klarzumachen, dass es eben nicht nur um Erfolg und Reichtum gehen kann, wenn Chinesen ein neues, schönes Land aufbauen wollen. Es geht um Kultur. Es geht um die Lebensqualität. Es geht um Geschmack. Viele Chinesen fühlen, dass da etwas fehlt.

Und wie verhält sich die chinesische Regierung dazu?

Die Regierung ist nur auf den wirtschaftlichen Erfolg fokussiert und produziert auf diese Weise viel Schaden im Land. Die Bevölkerung merkt das - nicht zuletzt durch das Echtzeit-Internet. Deshalb wird genau darüber sicher etwas in der Gesellschaft passieren. Ich sage nicht, dass damit die Revolution beginnt. Aber das Internet ist ein sehr sensibler Faktor in der aktuellen Situation Chinas.

Zur Person

Bei Ling wird am 28. Dezember 1959 in Schanghai geboren. Schule und Universität absolviert er in Peking. 1988 reist er erstmals in die Vereinigten Staaten.

Dort wird er von der Nachricht der Studentenunruhen vom Frühjahr 1989 in Peking überrascht. Bei Ling entschließt sich, in Amerika zu bleiben, und gründet dort das Literaturmagazin „Tendency“.

Als er im Jahr 2000 erstmals eine Ausgabe von „Tendency“ auch in China publiziert und dazu in seine Heimat reist, wird er verhaftet. Interventionen prominenter Schriftsteller aus der ganzen Welt führen zu seiner Freilassung und Abschiebung aus China.

Seitdem lebt Bei Ling abwechselnd in den Vereinigten Staaten und Taiwan. Gemeinsam mit dem späteren Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo gründet er 2001 den unabhängigen chinesischen PEN-Club.

Im Jahr 2009 nimmt Bei Ling trotz Protesten aus China an einer Diskussion anlässlich des chinesischen Gastlandauftritts auf der Frankfurter Buchmesse teil. Im kommenden Jahr werden seine Erinnerungen „Ausgewiesen – Über China“ erscheinen.

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