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Im Gespräch: Bei Ling : Bringt das Internet die Revolution in China, Herr Bei?

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Wir wissen, dass es für die chinesische Regierung immer schwerer wird, das Internet innerhalb Chinas zu kontrollieren. Aber Sie leben als Schriftsteller im amerikanischen Exil. Und der Informationszufluss von außen nach China ist noch immer sehr beschränkt. Wie kommunizieren Sie mit Ihren Freunden, Kollegen und Lesern in China?

Lassen Sie es mich mit einem Beispiel erklären: Ich hielt Mitte Oktober anlässlich der Frankfurter Buchmesse einen Vortrag über mein neues Buch, das im Jahr 2012 erscheinen wird. Es geht darin um mein Leben als Exilschriftsteller. Radio Free Asia hatte einen ausführlichen Bericht darüber gebracht. Aber diesen Sender kann leider niemand in China hören; die Website von Radio Free Asia ist dort gesperrt. Deshalb habe ich den Text des Vortrags an zweihundert Freunde in China geschickt - per E-Mail. So haben Universitätsprofessoren, Autoren, Künstler und andere Intellektuelle diesen Text bekommen und können darüber dann innerhalb von China relativ frei diskutieren. Sie posten den Text über Portale wie sina.com oder sohu.com und diskutieren darüber lokal oder in ihren eigenen Blogs mit Lesern und Freunden.

Sie können also auf diese Weise in Ihrem Heimatland gewissermaßen publizieren?

Nein, das nicht. Ich schicke nur E-Mails mit kurzen Texten. Ganze Bücher von mir werde ich nicht hinsenden. Ich publiziere dort nicht, sondern es wird über meine Texte diskutiert. Ich bin ja nicht verrückt und schicke dort einfach meine Bücher hin. Das ist eine Frage des Copyrights. Das hält der Suhrkamp Verlag. Ich schicke einfach meine Texte per E-Mail an Freunde, und sie diskutieren sie im Netz.

Die Regierung verzichtet also darauf, die E-Mails von Personen wie Ihnen, die sie nicht mal mehr ins Land lassen, zu filtern?

Wie sollte sie das machen? Ich schicke Nachrichten an zweihundert Leute, und eine E-Mail können sie nicht stoppen - nicht immer und nicht an alle jedenfalls. Auf diese Weise gelangen meine Gedanken nach China.

Aber ist es nicht gefährlich für Intellektuelle, Ihre Ideen öffentlich im Internet zu diskutieren?

Nein, so ist China nicht mehr. Wir leben ja nicht mehr in den sechziger Jahren zu Zeiten der Kulturrevolution. Es ist völlig in Ordnung, über Schriftsteller zu reden, die im Exil leben. Außerdem will die Regierung ja gar nicht absolut alles kontrollieren. Sie könnte es auch nicht.

Zumindest Ihre Gedanken können also frei einreisen. Macht das Internet auf diese Weise die Distanz zur Heimat eher kürzer oder länger. Scheinbar ist China ja für Sie nun sehr nahe.

Für mich ist das Internet wie mein Baby. Ich bin oft mehr als zehn Stunden am Tag online. Ich lese und schreibe dort sehr viel. E-Mails nutze ich immer und beobachte täglich viele chinesische Zeitungen und Blogs. Außerdem kann ich ja auf diese Weise mit jedem sprechen: Mit Skype kann ich in China Bekannte anrufen und frei reden. Sogar die Gebühren für Telefongespräche sind so niedrig, dass man gut in Kontakt bleibt. Wir haben also mittlerweile viele Wege, um die Distanz zu überbrücken. Ich habe daher den Eindruck, dass ich - obwohl seit zehn Jahren in den Vereinigten Staaten lebend - meinem Heimatland heute näher bin als noch vor ein paar Jahren. Weil ich jetzt wirklich einen umfassenden Zugang zu allen Informationen habe.

Zumindest in Ihrem Fall könnte man dann behaupten, dass die chinesische Regierung die Kontrolle über das Internet gar nicht hat.

Sie kontrolliert ja nicht das Internet, sondern nur einige Websites. Also sie blockiert die externen Inhalte, die sie nicht im Land haben will. Chinesen können sich zum Beispiel nicht auf den Websites der „New York Times“ informieren. Aber wenn jemand dieselben Inhalte per E-Mail an bestimmte Leute in China schickt, dann kann die Regierung das einfach nicht kontrollieren. Außerdem nutzen viele Chinesen für E-Mail-Kontakte gar nicht mehr die klassischen chinesischen Firmen wie 136.com, sina.com oder andere. Sie melden sich lieber bei ausländischen Diensten wie Gmail oder Yahoo an und umgehen so die staatlich geduldeten Unternehmen.

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