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Im Gespräch: Annette Humpe : Nach jedem Projekt mache ich genau das Gegenteil

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Annette Humpe, wie Burkhard Neie sie sieht Bild: Burkhard Neie

Am Montag vor dreißig Jahren brachte sie mit „Ideal“ die Neue deutsche Welle in die Wohnzimmer. Im Oktober wird Annette Humpe sechzig Jahre alt und ist mit der Gruppe „Ich + Ich“ so erfolgreich wie nie zuvor. Ein Gespräch über drei Jahrzehnte in den Charts, neue Pläne und kosmische Liebe.

          Annette Humpe öffnet die Tür ihrer Altbauwohnung direkt am Lietzensee in Charlottenburg. Sie wirkt völlig entspannt, die Wohnung atmet Zen-Buddhismus. Auf dem Balkontisch stehen zwei Gläser mit einer Flasche Wasser, daneben Zigaretten.

          In wenigen Tagen vor genau dreißig Jahren waren Sie zum ersten Mal im Fernsehen zu sehen und dann gleich in der Tagesschau. Es wurde über ein Konzert vor dem Berliner Reichstag berichtet. Mit dabei war Ihre Band Ideal, Sie sangen damals „Ich steh' auf Berlin“. Vielen gilt das als erster Durchbruch der Neuen Deutschen Welle ins deutsche Wohnzimmer.

          Das Besondere an diesem Rockkonzert war, dass es direkt an der Mauer stattfand und sich auf der Ostseite ganz viele DDR-Jugendliche versammelt hatten, um ein Westkonzert zu hören. Das war die Nachricht. Die Fernsehaufnahmen vor Ort mussten dann aus Zeitgründen abgedreht werden, schon bevor Barclay James Harvest auf die Bühne kam. Also wurden wir gefilmt und kamen in den Genuss der Berichterstattung. Ich weiß gar nicht, ob wir namentlich erwähnt wurden, aber wir waren im Bild. Unser Erfolg begann damals gerade zu explodieren.

          Humpe & Humpe, 1985

          Wie haben Sie das empfunden, so plötzlich am Puls der Zeit zu sein?

          Man weiß das in dem Moment ja nicht, man lebt es einfach. Ich habe die Neue Deutsche Welle ja auch nicht erfunden. Ich habe die Strömungen der Zeit aufgenommen. Ich bin 1978 zwei Monate lang mit einer Freundin quer durch Amerika gefahren, und wir haben uns überall neue Bands angeschaut, die Talking Heads, Blondie, Devo. Ich kam zurück nach Berlin und mir war klar, dass ich das auf Deutsch machen muss.

          Was genau mussten Sie da machen?

          Ich weiß nicht, in unserer Musik von damals steckt ja viel Wut. Außerdem konnte ich mich auf der Bühne gar nicht anders verhalten, als ich es tat. Ich war nicht so niedlich wie Blondie, ich wollte auch nicht eine Sängerin sein. Ich finde auch nicht, dass ich eine gute Sängerin bin. Ich hatte Musik studiert und habe mich als Musikerin und Songschreiberin verstanden.

          Ihr Gesang in Liedern wie „Blaue Augen“ oder „Eiszeit“ ist aber mit das Raffinierteste, was man in deutscher Sprache hören kann: gelangweilter Sprechgesang, Knabenchorstimme, hysterisches Punkgekreische, Kälte, Schmacht . . . Vieles davon findet man später bei Nena oder Hubert Kah wieder, sogar noch bei Herbert Grönemeyer. Das war doch nicht alles der New-Wave-Musik abzulauschen?

          Ich habe eine Wahnsinnsdiskothek im Kopf. Ich habe unglaublich viel Musik gehört in jungen Jahren. Davon zehre ich heute noch. In der Kleinstadt, in der ich groß geworden bin, gab es nichts anderes zu tun, als Musik zu hören. Wir hatten auch keinen Fernseher, wir haben unsere gesamte freie Zeit am Klavier verbracht oder vor dem Radio. Ich habe die Musik richtig aufgesogen, jeden Beatlessong haben wir nachgespielt. Dadurch habe ich ganz viel gelernt über die Struktur von Songs.

          Wenn man sich den Text von „Blaue Augen“ genau anschaut, ist der ja sonderbar. Sie distanzieren sich zunächst von den Fifties, Sixties, dem Luxus, aber auch von der damaligen Szene und der verordneten Coolness der Zeit. Die neue Bewegung wird schon in Frage gestellt, bevor sie richtig begonnen hat.

          Der Widerspruch interessierte mich. Der Trick war, dass man in den Strophen sagt: Ich bin ganz cool, mich haut sowieso überhaupt nichts vom Hocker. Das Thema baut man dann auf und erzählt im Chorus gerade das Gegenteil.

          Gab es die besungenen blauen Augen?

          Ja. Die gehörten meinem damaligen Freund. Ich dachte, der ist mal fällig für ein Liebeslied. Das war für die ganzen Anstrengungen, wenn ich auf Tour war.

          Ideal trennte sich 1983. Wie kam es dazu?

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