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Im Gespräch: Alfred Schreyer : Wie haben Sie den Krieg überlebt, Herr Schreyer?

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Sein Überleben bedurfte „mehrerer Wunder”: der Opernsänger Alfred Schreyer Bild: Privat

Sobald das Scheinwerferlicht angeht, vergisst Alfred Schreyer sein Alter. Fast sein gesamtes Leben hat der achtundachtzigjährige Opernsänger an ein- und demselben Ort verbracht - und dabei in fünf Staaten gelebt.

          Woher stammt Ihr ausgezeichnetes Deutsch?

          Die deutsche Sprache habe ich nie gelernt. Zu Hause sprachen wir polnisch, und auf dem Gymnasium sollte ich auf Wunsch meiner Mutter Französisch lernen. Aber ich bin musikalisch: Ich höre gut. Ich hörte meine Eltern als galizisch-habsburgische Juden deutsch sprechen, wenn ich etwas nicht verstehen sollte. Und ich hörte Deutsch im deutsch besetzten Drohobycz und danach in verschiedenen Arbeits- und Konzentrationslagern. So kam es: Deutsch lernte ich vom Hören.

          Sie waren nie Mitglied einer Partei oder eines Jugendverbandes, haben sich ihr Leben lang nie mit Politik eingelassen. Was hat Sie so misstrauisch gemacht?

          Meine Erfahrungen. Meine Großeltern besaßen in Drohobycz eine große zweistöckige Villa. Meine Familie wohnte dort von 1932 an. Wir waren damals zurückgekehrt, weil mein Vater im Zuge der Weltwirtschaftskrise seine Stelle als Chefchemiker in der Erdölindustrie verloren hatte. In Drohobycz steckte Vater seine ganzen Ersparnisse in den Bau eines Mietshauses. Doch gerade, als es fertig geworden war, haben es die Sowjets beschlagnahmt. Mit der sowjetischen Besatzung im September 1939 wurden wir plötzlich arme Leute. Wir hatten nicht einmal mehr genug zu essen und mussten Schmuck verkaufen, damit wir überhaupt leben konnten.

          Oft hört man in Polen den Vorwurf, Juden hätten die einmarschierenden Sowjets begeistert begrüßt und sogar mit ihnen kollaboriert.

          Das ist kein Geheimnis. Es hieß doch, bei den Sowjets gäbe es keinen Antisemitismus. Und junge Leute, die Karriere machen wollten, biederten sich an. Als der polnische Direktor unseres Gymnasiums verhaftet wurde, Tadeusz Kaniowski, da beteiligten sich daran sogar ehemalige jüdische Schüler, weil Kaniowski Senator der ungeliebten Zweiten Polnischen Republik war. Allerdings befanden sich unter den Zehntausenden Ukrainern und Polen, die nach Kasachstan oder Sibirien deportiert wurden, auch einige Juden - einer meiner Onkel ist im Lager umgekommen. Er war ein „Kapitalist“, weil er in Drohobycz zwei oder drei Mietshäuser besaß.

          Was geschah mit Ihrer eigenen kapitalistischen Familie unter sowjetischer Besatzung?

          Mein Vater musste in der Paraffinfabrik arbeiten. Dort war es sehr nass, und er hatte keine Stiefel. Ich weiß bis heute, wie ich deshalb die ersten achtzig Rubel, die ich als Mitglied eines Vokalquartetts mit dem Auftritt vor einer sogenannten sowjetischen Kulturbrigade verdiente, meinem Vater für Stiefel zuschoss. Und wie er sich schämte, dass er von seinem siebzehnjährigen Sohn Geld leihen musste.

          Im Juni 1941 marschierte die Wehrmacht in Ostpolen ein. Ahnten Sie, was geschehen würde?

          Das war unser Unglück: Wir wussten nichts von dem, was im Generalgouvernement geschehen war. Wir hatten keine Ahnung von der Judenverfolgung. Ich war bei Kriegsausbruch gerade in Lemberg. Unser Vokalquartett war für Gastauftritte im polnischen Theater „Miniatur“ engagiert worden. Da fiel eine Bombe auf einen Teil des Hauses, in dem ich mich versteckte. Von Auftritten war keine Rede mehr. Wir Drohobyczer Studenten mieteten einen polnischen Kutscher, um nach Hause zu fahren. Doch auf dem Weg wurden wir bereits von einer willfährigen ukrainischen Polizei kontrolliert. Mir rissen sie nur den Rucksack vom Rücken, aber einem Kollegen schlugen sie die Zähne aus. Der Kutscher musste auf halbem Weg umdrehen, die restlichen siebzig Kilometer legten wir notgedrungen zu Fuß zurück. Die Ukrainer glaubten, Hitler würde ihnen eine unabhängige Ukraine zugestehen. Der dachte aber gar nicht daran. Hitler täuschte Freundschaft nur vor, weil er Verbündete brauchte. Denn wie hätte er in Drohobycz 13.500 Juden ohne die ukrainische Hilfspolizei umbringen können? Es gab gerade einmal zweiunddreißig Gestapo-Leute in der Stadt.

          Wie ging die deutsche Besatzungsmacht in Drohobycz vor?

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