https://www.faz.net/-gqz-10qmx

Im Gespräch: Alexander Kluge : Karl Marx ist der Dichter unserer Krise

  • Aktualisiert am

Der Regisseur und Filmemacher Alexander Kluge will sich an ein Werk wagen, das Sergej Eisenstein vorausgedacht, aber nie realisiert hat: die Verfilmung von Karl Marx' „Das Kapital“ als Mammutwerk von zehn Stunden Länge. Ein Gespräch mit dem Filmemacher über Marx, die Revolution und die Antike.

          9 Min.

          Darf ein Stein noch auf dem anderen bleiben? Eine Revolution wird, bei angeschlagenem Sehvermögen, ins Auge gefasst: Zwei weltberühmte Männer treffen einander im November 1929 in Paris, um dem Film eine neue Form zu geben. Der eine heißt James Joyce und hat sich in seinem Roman „Ulysses“ (1922) den Stromschnellen des Bewusstseins überlassen; der andere, ein junger sowjetischer Regisseur namens Sergej Michailowitsch Eisenstein, hat in seinem Revolutionsfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ (1925) widersprüchliche Bilder wuchtig gegeneinandergesetzt und die alte Filmerzählung assoziativ erweitert.

          Eisenstein unterbreitet dem annähernd blinden Joyce in Paris kühne Pläne: Er will die letzten Grenzen überschreiten und Unverfilmbares verfilmen - einerseits den „Ulysses“ selbst, andererseits das Hauptwerk des Philosophen Karl Marx, der 1867 seine „Kritik der politischen Ökonomie“ unter dem Titel „Das Kapital“ formuliert hat. Seine Vision, Marx ins Kino zu übersetzen, hatte er unter dem Einfluss überdosierter Aufputschmittel und einer „hysterischen Erblindung“ während der Arbeit an seinem Revolutionsfilm „Oktober“ Ende 1927 entworfen.

          Die Marx-Adaption blieb unrealisierbar, in Hollywood ebenso wie in Frankreich und der stalinistischen Sowjetunion, Eisensteins Filmversion des „Kapitals“ existierte nur in dessen Kopf und Tagebüchern. Er legt demnächst eine fast zehnstündige freie Rekonstruktion zum Unternehmen „Kapital“ vor.
          Unter dem Titel „Nachrichten aus der ideologischen Antike“ wird Kluges Arbeit Mitte November als DVD-Box bei Suhrkamp erscheinen. „Tausende von kleinen Details“ wollte Eisenstein in seinem Marx-Film zeigen.

          Entdecker der zweiten Subjektivität des Menschen: Karl Marx

          Kluge bleibt dieser Idee treu - auch weil sie seiner eigenen Arbeitsweise so perfekt entspricht: „Nachrichten aus der ideologischen Antike“ lässt eine schier unüberblickbare Flut an Materialien, Assoziationen und Exkursen vom Stapel, mischt Filmausschnitte, Textproben und Schrift-Bilder mit kleinen Spielszenen und großen Interviews (unter anderen mit den Schriftstellern Hans Magnus Enzensberger und Dietmar Dath, der Schauspielerin Sophie Rois und dem Philosophen Peter Sloterdijk); so inszeniert Kluge eine Art Passagenwerk zu den Verflechtungen von Filmgeschichte, Arbeiterbewegung und Kapitalismuskritik, immer aber mit Blick auf das Konkrete, mit Sinn fürs nötige Detail. Die Revolution mag tot sein: Als Kino-Idee bleibt sie verführerisch. Ein Gespräch mit dem Filmemacher.

          Herr Kluge, das war ein monumentaler Plan: eine Filmarbeit zu Eisensteins Idee einer Adaption des „Kapitals“ von Karl Marx. Was wollten Sie? Eine Sammlung unzähliger Fußnoten und assoziativer Exkurse zum Thema? Die Simulation einer Rekonstruktion der Marx-Verfilmung von Eisenstein?

          Beides. Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse 2007 hatte Frau Unseld-Berkéwicz, die Chefin des Suhrkamp Verlags, die Idee, sich dieses Eisenstein-Projekts anzunehmen und es in die neue Suhrkamp-DVD-Edition aufzunehmen. Ich hatte gemeinsam mit Oskar Negt schon einen Film zu dem Thema gemacht. Uns hatte interessiert, was Dziga Wertow, der ja der bessere Dokumentarist war, aus dem Stoff gemacht hätte, wenn er mit Eisenstein daran gearbeitet hätte.

          Das stand aber nie zur Debatte, oder?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) äußert sich nach einem Treffen mit dem Außenminister der Ukraine Pristaiko.

          Macrons „Hirntod“ der Nato : Maas macht mobil

          Der deutsche Außenminister versucht Emmanuel Macron den Wind aus den Segeln zu nehmen. Bei der Nato ist der Ärger über den französischen Präsidenten groß.

          Impeachment-Anhörungen : Trumps Schattendiplomat

          Gordon Sondland muss sich auf ein regelrechtes Verhör gefasst machen. Von dem amerikanischen Botschafter bei der EU erhoffen sich die Demokraten Aussagen, mit denen sie Donald Trump der Erpressung und Bestechung überführen können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.