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Im Gespräch: Agnieszka Holland : Was hat Sie der Kommunismus gelehrt, Frau Holland?

  • -Aktualisiert am

Ich habe die Zeit in Prag sehr intensiv erlebt. Nicht nur die politischen Ereignisse, sondern auch die tschechische Kultur, Weltsicht, Art der gesellschaftlichen Organisierung und so weiter. Ich war damals sehr jung, fing aber gleich in Prag an, meine ersten Filme zu drehen, und ich heiratete dort auch. Überhaupt wollte ich in der Tschechoslowakei bleiben, und wenn das Leben dort nicht so schwierig geworden wäre, hätte ich es vermutlich auch getan. Dann musste ich aber ins Gefängnis, und als ich herauskam, erschien mir das von Gomulka regierte Polen doch erträglicher. Ich kam also mit dem ganzen Gepäck der tschechischen Erfahrungen nach Polen zurück, und gleichzeitig hatte ich mir die polnische Sensibilität, Kultur, Geschichte und Mythologie bewahrt. Diese Verbindung erzeugte eine ganz eigene Mischung.

Wie schafft man es, mit diesem polnisch-tschechischen Hintergrund im amerikanischen Kino Fuß zu fassen?

Es ist nicht ganz einfach. In meinem Fall geschah es zufällig und ein wenig gegen meinen Willen. Einige meiner Filme hatten den Amerikanern gefallen, und ich bekam daraufhin mehrere Angebote. Ich stellte aber paradoxerweise fest, dass das amerikanische System sich nicht sehr von dem kommunistischen unterschied. Die großen Studios bedienten sich einer ähnlichen Logik wie die Kulturinstitutionen in kommunistischen Ländern. Deswegen fiel es mir leichter, die dortigen Spielregeln zu beherrschen, als etwa meinen französischen Kollegen. Der Kommunismus hat mir geholfen, mich in Amerika zu etablieren.

Fühlen Sie sich heute, nach so vielen Jahren in Hollywood, der amerikanischen Filmwelt zugehörig?

Nein, nicht ganz. Aber ich fühle mich, ehrlich gesagt, gar keiner Filmwelt zugehörig. Heute gibt es keine Filmwelten, jeder arbeitet für sich. Ich war eng mit Krzysztof Kieslowski befreundet - das war meine Filmwelt. Auch Andrzej Wajda stand mir nahe, doch Kieslowski gehörte meiner Generation an und war Teil meines Alltags. Seit seinem Tod habe ich niemanden getroffen, mit dem ich mich so gut verstehen würde. Und was die Amerikaner betrifft: Sie sind okay. Man kann mit ihnen reden, sie sind einem sofort wohlgesinnt, und es gibt bei ihnen nicht den Neid, den man bei vielen Europäern spürt. Was nicht bedeutet, dass ich unter europäischen Regisseuren keine Freunde hätte. Zum Beispiel Schlöndorff und Wim Wenders, die immer sehr freundlich zu mir waren und die ich meinerseits sehr schätze. Man soll also nicht verallgemeinern.

Ihr Name wird im Zusammenhang mit sehr vielen Filmideen genannt, auch mit solchen, die nie umgesetzt werden. Was entscheidet darüber, ob Sie ein Projekt realisieren?

Es gibt Themen, bei denen ich plötzlich den inneren Imperativ verspüre, es mit filmischen Mitteln zu erzählen. Und es gibt welche, die mich kalt lassen, obwohl sie manchmal interessanter sind. Das verläuft nicht ganz rational, es ist eine instinktive Entscheidung, die ich auch manchmal ändere. Es kommt schon vor, dass eine Geschichte mich wieder verlässt, dass ich plötzlich das Interesse verliere.

Und was war dieser innere Imperativ im Falle von „In Darkness“?

Vermutlich lag es an dieser Hartnäckigkeit des Drehbuchautors, dass die Geschichte anfing, mich zu rufen und bis in den Schlaf zu verfolgen. Und dann kam der Moment, von dem an ich nicht mehr aufhören konnte, an sie zu denken. Krystyna Chiger, das kleine Mädchen im Film und die letzte Überlebende dieser Ereignisse, sagte mir einmal, als in den achtziger Jahren das Buch des Londoner Journalisten Robert Marshall über dieses Geschehen erschienen sei, habe sie angefangen, davon zu träumen, dass ich dieses Buch verfilmen würde. Und wie man sieht, werden Träume manchmal wahr.

Zur Person -Agnieszka Holland wird am 28. November 1948 als Tochter eines Journalistenehepaars in Warschau geboren. Zum Studium geht sie 1967 an die Film- und Fernsehakademie der Kunsthochschule in Prag. Dort erlebt sie den Prager Frühling und sein Scheitern. -Noch vor dem Abschluss ihrer Ausbildung dreht Holland 1970 ihren ersten Film, „Grzech Boga“.

Zurück in ihrer polnischen Heimat, wird sie Assistentin bei den Regisseuren Krzysztof Zanussi und Andrzej Wajda. Mit „Provinzschauspieler“, der 1978 den Preis der Filmkritik in Cannes gewinnt, erlebt sie ihren internationalen Durchbruch. -“Bittere Ernte“ wird 1986 für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert, für die deutsche Produktion „Hitlerjunge Salomon“ erhält Holland 1992 ihre zweite Oscar-Nominierung, diesmal als Drehbuchautorin. -Agnieszka Holland lebt seit 1981 in Paris, ihre Tochter Kasia Adamik ist auch Filmregisseurin. Hollands neuer Film, „In Darkness“, ist von Polen für die Oscarnominierungen eingereicht worden.

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