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Im Fernsehen: „München 72“ : Sie wollten doch nur spielen

Egal, ob gut oder böse, man kann nicht einfach so einen Menschen abschießen. Szenenfoto aus „München 72 – Das Attentat“ Bild: Heike Ulrich/TeamWorx/ZDF

Das ZDF rekonstruiert „München 72 - Das Attentat“ - mit sehr viel Zeitgefühl und etwas wenig Gespür für die ganze Tragik der Geschichte. Wem hilft diese deutsche Perspektive?

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          Sie hatten sich ein Stadion bauen lassen, so unbeschwert wie ein Song von Giorgio Moroder, sie hatten ihren Polizisten die Waffen weggenommen und ihnen Uniformen angezogen vom französischen Weltraumschneider André Courrèges, sie hatten Piktogramme erfunden, um die Besucher an die Hand zu nehmen, völkerverbindend bis zur Toilette, und selbst den Farben hatten sie jede Aggressivität verboten. Zartblau und sanftgrün sollten die Tage werden, so heiter und freundlich, wie die Welt dieses Land noch nie gesehen hatte. Sie wollten nur spielen.

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und wenn jetzt, 40 Jahre nach der Feier der XX. Olympiade in München, das deutsche Fernsehen kommt, um mit dem Spielfilm „München 72 - Das Attentat“ „den Nachgeborenen“ (wie es im Programmheft steht) diese Zeit zu vergegenwärtigen, dann dauert es nicht lange, bis man erkennt, wie sehr die Ambitionen der Filmemacher jenen von Willi Daume, Otl Aicher oder Frei Otto ähneln, den Leuten also, welche die Olympischen Spiele 1972 zu einer Art Woodstock des Sports machen wollten.

          Fernsehen als Wunscherfüllung

          Im Offizierston der alten Bundesrepublik wird die Essener Polizistin Anna Gerbers zu ihrem Vorgesetzten zitiert, der ihre Leistungen bemängelt, aber man merkt sofort: Es ist nur ein Scherz. Sie darf nach München. Die Sektkorken knallen, die Farben auch, T-Rex singen von einem Mädchen, das das Universum in ihrem Haar trägt. Die Sonne scheint, die Röcke sind kurz, die Brüste wippen, und dann sitzen sie im Crashkurs Gute Laune, Polizisten, die jetzt „Ollies“ heißen, und winken brav mit beiden Armen die Geste aus der Aicher-Zeichensprache nach, die heißt: „Alles in Ordnung. Situation unter Kontrolle“.

          So geht das los, und was dabei beschworen wird, das ist nicht nur die Leichtigkeit der frühen Siebziger; das sind schon auch all die Feiern jener uneingelösten Versprechen von Modernität und Freiheit, mit welchen das Fernsehen nun seit ein paar Jahren so erfolgreich auf die Sehnsucht danach antwortet - die Lässigkeit der „Mad Men“ also oder der Elan der Stewardessen aus „Pan Am“.

          In jedem Hüftschwung ist diese Ambition zu erkennen, jedes Bild sagt das, was auch die Planer der Spiele damals beweisen wollten: „Seht her, wir können das auch!“ Weil das ästhetische Repertoire der Spiele von 1972 eine ganz brauchbare Vorlage dafür liefert; weil dieses „Munich“ von gestern, das wenig später eben auch als Vorsilbe des Wortes „Disco“ sehr berühmt wurde, schon eine Ahnung hatte von dieser Lässigkeit, darum wirkt auch der Anfang dieses Films nicht wie eine verkrampfte Übersetzung eines erfolgreichen Looks, sondern eher wie eine Rückeroberung. So viel Charme jedenfalls hat man lange nicht gesehen in einem deutschen Fernsehfilm. Das ist auch deshalb so bemerkenswert, weil es schon Mut braucht, sich so ignorant gegen das Ende der Geschichte zu stellen, das man nicht trennen kann von dieser anfänglichen Fröhlichkeit.

          Ratlose Wurschtigkeit

          Und dann beginnen die Probleme. Schon bald also klettern die Männer des Kommandos Schwarzer September über den Zaun des Olympiadorfs, nehmen elf israelische Sportler als Geiseln, und weil ja hinreichend bekannt ist, in welchem Massaker das Vorgehen der Münchner Polizei später auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck enden wird, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie weit die Analogie von Vorlage und Inszenierung reicht - ob also nicht auch der Film daran scheitern wird, dass er, wenn es ernst wird, nicht über ausreichende Mittel, Timing und Erfahrung verfügt. Was nicht heißt, dass es „München 72“ am Willen fehlen würde, alles richtig zu machen. Aber am Bewusstsein für die Kontrollierbarkeit des Stoffes und auch am Mut zum Risiko fehlt es dann letztlich doch.

          Panzerwagen der Polizei als Ziel: Der Anführer der palästinensischen Terroristen Issa - Lutif Affif - gespielt von Shredi Jabarin - schießt
          Panzerwagen der Polizei als Ziel: Der Anführer der palästinensischen Terroristen Issa - Lutif Affif - gespielt von Shredi Jabarin - schießt : Bild: Heike Ulrich

          Wie groß der Respekt vor der Geschichte ist, das zeigt sich schon daran, dass die Eventfabrik Teamworx den in Tel Aviv geborenen Dror Zahavi als Regisseur ausgesucht hat, der schon das Leben von Marcel Reich-Ranicki fürs Fernsehen verfilmt hat. Für einen Film, der, wie Produzent Nico Hofmann so stolz verkündet, das Drama „zum ersten Mal aus deutscher Sicht“ erzählt, ist es vielleicht nicht besonders konsequent, die künstlerische Verantwortung gleich wieder nach Israel zurückzuverweisen. Aber wer weiß: Womöglich braucht der Film diese Lizenz, die Story ohne Rücksicht auf seinen Anteil an der kollektiven Schuld zu erzählen.

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