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Im Fernsehen: „Beate Uhse“ : Haben Sie denn gar keinen Anstand?

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Stillhalten wollte sie, konnte es aber nicht: Franka Potente als Beate Uhse, die verfemte „Sex-Unternehmerin“ Bild: ZDF,

Sie begann mit der Verhütungsaufklärung, verdiente dann Millionen mit „Sex-Artikeln“ und wurde lange verteufelt: Beate Uhse. Das ZDF zeigt ihr Leben zwischen Emanzipation und Selbstausbeutung.

          Elly Beinhorn, Leni Riefenstahl, Mary Wigman: Es gehört zu den Besonderheiten des "Dritten Reichs", dass das Regime von der Emanzipation profitierte, die in der Weimarer Republik in Gange gekommen war. Wigman als Leiterin eines Tanzinstituts, Riefenstahl als Regisseurin, die Drehstäbe und Komparsenmassen dirigierte, Beinhorn, die Pilotenrekorde brach, sie alle sollten die Tatsache überstrahlen, dass realiter Frauen aus dem Berufsleben gedrängt und zu Gebärmaschinen degradiert wurden. So lange jedenfalls, bis mit Kriegsbeginn Frauen wieder alles bewältigten, was eben noch als alleinige Sache der nun abkommandierten Männer galt.

          So prominent wie Elly Beinhorn war die junge Beate Uhse nicht. Wohl aber eine vielbeschäftigte Test- und Stunt-Pilotin. So gelang es ihr, seit 1944 Witwe eines Fluglehrers, in den letzten Kriegswochen in einem gekaperten Flugzeug mit ihrem kleinen Sohn aus Berlin zu fliehen. Nach kurzer englischer Kriegsgefangenschaft und der verbissen erkämpften Genesung vom Bruch beider Beine kam Beate Uhse als Flüchtling in Schleswig-Holstein unter, wo ihr Aufstieg zur bekanntesten Unternehmerin Deutschlands begann, und wo sie, wie Tausende anderer Frauen, die zurück zu Heim und Herd sollten, auf erbitterten männlichen Widerstand stieß.

          All das hat schon Rainer Werner Fassbinder in seinem Klassiker "Die Ehe der Maria Braun" nachgezeichnet. Es war zweifellos die Sonderstellung Beate Uhses als seinerzeit skandalöse Chefin eines "Sex-Unternehmens", die das ZDF nun ihr Leben verfilmen ließ. Drehbuchautor Timo Berndt und Regisseur Hansjörg Thun beginnen mit der Flucht, der Gefangennahme und dem Lazarettaufenthalt, und umreißen so in kürzester Zeit die charakterlichen Grundzüge ihrer Heldin: Mut, Zähigkeit, unerschöpfliche Energie. Franka Potente (in gewöhnungsbedürftigen blonden Perücken) macht das gewohnt souverän. Unerfindlich ist, warum Berndt und Thun nicht auf sie und die mitreißenden Episoden vertrauten, sondern eine Rahmenhandlung bastelten, in der die reife Beate Uhse ihrem künftigen schwarzen Lebensgefährten Jeff (Ray Fearon als zuverlässiger Stichwortgeber) rückblickend von ihrem Schicksal erzählt.

          Auch Knaus-Ogino musste sie erst vermitteln

          Damit kommt ein sonderbar betulich-belehrender Ton ins Spiel, der sich oft wie Mehltau über die vielsagenden Szenen aus dem Wirtschaftswunderleben legt. Zum Beispiel dann, wenn Beate Uhse im Pastorat ihres Fluchtdorfs, wo sie mit anderen Flüchtlingen untergekommen ist, jungen Frauen zur Verhütung die Knaus-Ogino-Methode empfiehlt - die sie als Tochter einer Ärztin kennt. Ob der Pastor verkniffen "Kennen Sie keinen Anstand?" fragt, oder eine junge Frau, für die der Rat zu spät kommt, verzweifelte Versuche unternimmt, eine Fehlgeburt auszulösen: Alles bleibt blass und leblos wie in den frühen Aufklärungsbroschüren der Uhse.

          "Schrift X" heißt ihre erste erfolgreiche, die ihr massive Anfeindungen der kleinbürgerlichen Umgebung einträgt. Auf die Idee gebracht hat sie ihr späterer zweiter Mann, "Ewe" Rotermund, der hinter dem Rücken des ahnungslosen Pastors die Broschüre vervielfältigt. Bald lernt die junge Witwe, dass in dem unbekümmerten Meister der Improvisation ein ganz anderer steckt. "Kennst du den Geruch von Leichen?", fragt Rotermund, als sie mehr über ihn wissen will. Dann erzählt er, wie man sich an der russischen Front an den Leichen gerade Gefallener wärmte, und dass er, der die russische Gefangenschaft überlebt hat, fortan frei leben will, ohne Kommandos, ohne Zwang.

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