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Gina Thomas (G.T.)

Englische Innenarchitektur : Tapetenwechsel

  • -Aktualisiert am

Blumenmuster, soweit das Auge reicht: eine historisierte Tapete, wie man sie im englischen Fernsehen häufiger an den Wänden sieht. Bild: picture alliance / Heritage-Images

Wann und wo auch immer englisches Fernsehen zurück ins viktorianische Zeitalter schaut - an den Wänden klebt immer die gleiche Tapete. Dahinter steckt ein Missverständnis. Wir klären es auf.

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          Keine Sendung präsentiert einen derart plausiblen Querschnitt der britischen Gesellschaft wie die Reality-Show „Googlebox“, die verschiedene Paare dabei filmt, wie sie das Fernsehangebot der Woche anschauen und kommentieren. Die Teilnehmer sind zu Prominenten geworden. Ihre Vorlieben, Gewohnheiten und Einrichtung sind Gegenstand von Zeitungsartikeln und Chats in den sozialen Netzwerken.

          Zu den Paaren, die beinahe Kultstatus gewonnen haben, gehören Mary und Giles, Vertreter der oberen Mittelschicht. In dem mit Büchern gesäumten Wohnzimmer ihres komfortablen Landhauses in Wiltshire pflegen sie das Publikum mit trockenem englischen Humor zu amüsieren. Mary sitzt dabei stets in einem Sessel, der mit William Morris’ beliebtem Muster aus verschlungenen Weidenzweigen bezogen ist. Hinter ihr die dazu passende Tapete, ein Entwurf des viktorianischen Textildesigners, Dichters, Sozialutopisten und Mitbegründers der Arts-and-Crafts-Bewegung, die eine Erneuerung der Handwerkskunst für die Zeit der Massenproduktion anstrebte.

          Das 1887 lancierte Muster wurde von den Trauerweiden nahe von Morris’ Haus im ländlichen Oxfordshire inspiriert. „Vergesst, was auf dem Bildschirm ist, alle Augen sind auf DIE Tapete gerichtet!“, lautete die Schlagzeile über einem Bericht der „Daily Mail“, der Leser informierte, wie auch sie ihre Wände mit dem Druck zieren könnten. Die Blumenmotive von William Morris sind zu Design-Klassikern geworden. Sie haben sich als Inbegriff der viktorianischen Innendekoration eingeprägt, weshalb sie von Film- und Fernsehausstattern immer wieder für Kostümdramen der Zeit verwendet werden.

          Ein Schwindel von Bühnenbildnern

          Zum Leidwesen der William-Morris-Spezialistin Anna Mason. Sie beklagt, dass dies ein auf die leichte Beschaffbarkeit der Tapeten zurückführender Schwindel von Bühnenbildern sei, der die Realität des viktorianischen Lebens verzerre. Weit davon entfernt, in jedem Haus vertreten gewesen zu sein, seien die Entwürfe von Morris damals ein eher der Avantgarde vorbehaltenes Nischenprodukt gewesen. Fiona MacCarthy berichtet in ihrer Biographie des Designers, dass er stets als sichere Wahl der Intellektuellen gegolten habe. Aldous Huxley erinnerte sich an eine Kindheit in „chintzigen Räumen, modern mit William Morris“, bei Oscar Wilde war ein Zimmer mit einem geprägten Druck von Morris tapeziert. Beatrice Webb, Sylvia Pankhurst und der Ökonom Maynard Keynes lebten alle in Häusern mit Morris-Entwürfen.

          Deren anhaltende Beliebtheit erklärt sich nicht zuletzt durch die Erinnerungen, die sie bewegen – ganz im Sinne von Morris, der mit seinen mittelalterliche Wandteppiche beschwörenden Blumen- und Vögelmustern Assoziationen mit der Vergangenheit und mit der Natur wecken wollte. Hingegen hätte ihm die Kommodifizierung seiner Produkte durch die Konsumkultur widerstrebt. Der Konflikt zwischen Kommerz und sozialistischem Ideal blieb für ihn ungelöst.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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