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: Im Diesseits leuchtet das ewige Leben In Madrid feiert der Prado den Maler Joaquín Sorolla

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Auch Velázquez war neben dem zufälligen Umstand seines Genies ein Streber und Aufsteiger. Deshalb sollte man dem valencianischen Maler Joaquín Sorolla y Bastida (1863 bis 1923), der sich als sein Nachfolger verstand, wohl nicht postum vorwerfen, wie hoch er hinauswollte.

          MADRID, im Juli

          Auch Velázquez war neben dem zufälligen Umstand seines Genies ein Streber und Aufsteiger. Deshalb sollte man dem valencianischen Maler Joaquín Sorolla y Bastida (1863 bis 1923), der sich als sein Nachfolger verstand, wohl nicht postum vorwerfen, wie hoch er hinauswollte. Als Waise unter der Obhut seiner Onkel aufgewachsen, hatte der kleine Joaquín mit konventionellem Wissenserwerb wenig im Sinn. Er zeichnete lieber Blätter voll. Zum Glück schenkte sein Lehrer, statt ihn zu disziplinieren, ihm Bleistifte und Buntstifte und ließ ihn machen, was er wollte. Zehn Jahre darauf malte der nicht einmal volljährige Sorolla erstaunlich gekonnte Seebilder. Es muss eine erregende Erkenntnis gewesen sein, dass er eigentlich alles malen konnte. Als er begriff, dass so bei den Wettbewerben in Madrid keine Preise zu gewinnen waren, schwenkte er auf Historienbilder um, das Genre, das um 1880 die meisten Medaillen abräumte. So malte er "Der zweite Mai", eine Szene aus dem Unabhängigkeitskrieg gegen die Franzosen und eine tiefe Verbeugung vor Goya: zwanzig Quadratmeter Leinwand voller Pulverdampf, gezückter Messer und zerschmetterter Leiber. Das Ergebnis war ein zweiter Platz bei der Nationalen Ausstellung von 1884. Die Madrider Kunstkritik wurde auf einen Maler aufmerksam, der es geschafft hatte, eine dramatische Kriegsszene mit kniffliger Komposition en plein air zu gestalten.

          Die Arbeit im Freien würde Sorollas Markenzeichen werden, und sie führte ihn, nachdem mehrere Bildgattungen abgeklappert waren, zu seiner eigentlichen Stärke: der Darstellung des durch Fischersegel scheinenden, durch Markisen gefilterten oder auf der nackten Haut badender Kinder schimmernden mediterranen Lichts. Sorollas Welt ist im emphatischen Sinn hell und sonnendurchflutet, eine Feier der Oberflächen, Stoffe und Texturen und am Ende ein Plädoyer für ein ewiges Leben im Diesseits. In immer neuen Variationen fängt der Maler den sinnenbetörenden Reflex der Lichtpartikel auf den Gegenständen und die eigentümliche Qualität der helligkeitdurchwirkten Luft ein, die auf seinen Bildern in violetten, zartgrünen, rosa- und orangefarbenen Tönen leuchtet. Nachträglich verwundert es nicht, wie achtlos er seine gigantische "Grablegung Christi", mit der er bei der Nationalen Austellung von 1887 leer ausging, im zusammengerollten Zustand im Keller vermodern ließ: Sorolla wollte damit nur glänzen und seine materielle Existenz sichern. Ansonsten dürfte ihm das fromme Bravourstück ziemlich gleichgültig gewesen sein.

          Die Sommerausstellung des Prado ist die umfassendste, die Sorolla jemals gewidmet wurde, und sie stellt trotz des unzweifelhaften Ruhms ihres Protagonisten eine neuerliche Kanonisierung dar. Denn im europäischen Kontext und als Verfechter der Ästhetik Manets, der ja ebenfalls auf Velázquez' Schultern stand, hatte man Sorolla bisher noch nicht so vollständig wahrgenommen. Mehr als zwanzig der hier zusammengetragenen Werke stammen aus Privatsammlungen. Auch zwei Gemälde des wunderbaren Bestands im Nationalmuseum der Schönen Künste von Kuba in Havanna sind dabei. Der fabelhafte, mehr als fünfhundert Seiten schwere Katalog fasst den neuesten Stand der Forschung zusammen und macht außerdem zahlreiche Briefe des Künstlers zugänglich.

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