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Igor Levit im Gespräch : Aufstehen, fertig, das Leben geht weiter

Vor hundert Jahren hatten die deutschen Soldaten die Partitur der Eroica im Tornister. Was ist so deutsch an Beethoven?

Wenn es etwas Deutsches gibt in der Musik, dann interessiert mich das nicht. Ich würde Ihnen gerne eine Geschichte erzählen: Vor fünf Jahren war ich in Äthiopien, auf Einladung des Goethe-Instituts. Immer wieder habe ich dort für Kinder gespielt. Die sind sehr christlich, aber von Bach, zum Beispiel von der Matthäus-Passion, wissen sie nichts. Einmal habe ich ein Experiment gemacht. Ich habe Ausschnitte gespielt und dann die Kinder gefragt, was die Musik wohl beschreibe. Ich spielte „Aus Liebe will mein Heiland sterben“, und ein Mädchen sagte, es höre großes Leiden und die Frage, warum jemand so leiden müsse. Dann: „Erbarme Dich“, und ein Junge, vielleicht fünfzehn, sagte: Da brennt jemand. Wenn ich so etwas höre, brauch’ ich doch nicht die Kategorie deutsch, um diese Musik zu erklären.

Was ist problematisch am Wörtchen deutsch? Wir hören doch auch, dass Tschaikowsky russische Musik schreibt. Oder Prokofjew.

Ich würde das bestreiten beim ersten Satz der 7. Prokofjew-Sonate. Mich interessiert diese Kategorie auch deshalb nicht, weil sie immer an mich herangetragen wird. Dauernd fragt man mich: Fühlen Sie sich als Russe oder als Deutscher? Wenn ich diese Frage schon höre!

Auf die Frage, was deutsch sei, gibt es so viele schwierige Antworten. Und eine schöne: Bach, Mozart, Beethoven.

Ich mag halt nicht, wenn es besitzergreifend wird. Bach gehört nicht nur den Deutschen. Bach schreibt ein zutiefst menschliches Werk.

Menschlich oder göttlich?

Menschlich.

Der sympathischste aller Gottesbeweise geht so: Es gibt, bei Bach, bei Mozart, bei Beethoven eine Schönheit, die nur dadurch zu erklären ist, dass göttliche Inspiration am Werk war. Ist das Quatsch?

Ja.

Früher hieß es, Popmusik, das sei Rausch, Emotion. Das Verständnis klassischer Musik müsse man sich erarbeiten. Kann es sein, dass das Publikum heute von klassischer Musik dasselbe wie vom Pop verlangt: verführt, berauscht zu werden?

Das Entscheidende bei einem Konzert ist für mich Kommunikation. Ich gehe raus auf die Bühne, ich bringe etwas mit, und das teile ich. Und jeder im Publikum bringt auch etwas mit. Da sitzen Menschen nebeneinander, die kennen sich nicht, und jeder interpretiert das Stück auch beim Hören. Und meine Utopie wäre, dass wir dabei kommunizieren, beim Spielen, beim Zuhören, beim Interpretieren.

Haben Sie, wenn Sie Bach und Beethoven spielen, ein Anliegen – nach dem Motto: So und nicht anders muss man das spielen?

Nein, ich arbeite, so gut es eben geht.

Es ist eine wilde Mischung, die Sie aufgenommen haben: Bachs Goldberg-Variationen, Beethovens Diabelli-Variationen – und „The People United Will Never Be Defeated“, Variationen über ein südamerikanisches Kampflied, von einem nicht ganz so berühmten lebenden Komponisten.

Vom großen Frederic Rzewski.

Ging es um die Herausforderung, quasi unspielbare Stücke zu spielen?

Es ist reizvoll, ja. Aber irgendwann kann man es, und dann geht es um etwas anderes. Die Hammerklaviersonate gilt auch als nahezu unspielbar. Aber sie wird gespielt.

Meistens zu langsam.

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