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„Ich will mein Leben zurück“ : Vom Selbsthass zum Selbstgenuss

  • -Aktualisiert am

Der ehemalige UKIP-Chef Nigel Farage Bild: AFP

Keiner hat mehr Lust auf Politik. Was liegt da näher, als sich ins Private zurückzuziehen? Popstars machen es vor, Nigel Farage stürmt hinterher.

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          Fünf Wochen nach der Explosion der Deepwater Horizon verknüpfte der damalige BP-Geschäftsführer Tony Hayward seine Entschuldigung bei den Opfern der Ölpest mit der Erklärung: „Es gibt niemanden, der sich mehr wünscht als ich, dass das hier ein Ende findet. Ich will mein Leben zurück.“ Der Wunsch war überaus nachvollziehbar. Irritierend war, dass dieses urprivate Bekenntnis ins öffentliche Format eines Fernsehinterviews schwappte: Wer hat gefragt?

          Nur konsequent ist es dagegen, wenn Nigel Farage, während die Währung fällt, die Rating-Agenturen die Daumen senken, die Unternehmen sich im Ausland orientieren, der Staat ohne Führung ist und Farage selbst einen „Riesenspaß“ gehabt hat, seinen Rücktritt als Ukip-Vorsitzender mit demselben Wunsch begründet. Lässt sich doch das Brexit-Votum am ehesten über dieses Bedürfnis verstehen: 17,4 Millionen Briten wollen ihr Leben zurück. Und wer will das nicht? Die Anhänger von Trump wollen ihr Leben zurück. Die Großmachtnostalgiker unter Putin und Erdogan wollen ihr Leben zurück. Pegida und AfD wollen ihr Leben zurück. Und Sigmar Gabriel wäre es recht, würde ihm jemand die Kanzlerkandidatur abnehmen, verfügt er doch über „ein glückliches Familienleben“ und „persönliche Zufriedenheit“.

          Der Rücktritt ist die Figur dieser Tage, verbunden mit dem verzückten Überprüfen der eigenen Wirkung: Wow, das bin ja ich! Auch Trumps Kampagne lässt sich als Rücktritt nach vorne deuten, als Austritt aus dem Reich des Rationalen, und es ist verblüffend, wie intuitiv plausibel dieser Regress ins Sich-Luft-Verschaffen wirkt. Auf Politik hat keiner mehr Lust. Über den Bezug auf das Private kann man sich verständigen. Beyoncé veröffentlicht Musikvideos, die wie Homevideos aussehen. Kanye West twittert seinen Kontostand, und Kim Kardashian lässt sich von Juergen Teller auf einem Erdhaufen ablichten, ein privater Meta-Scherz für Millionen. Das Private steht so hoch im Kurs wie seit 1968 nicht. Doch begehrten damals die linken Kinder des Establishments gegen das Establishment auf, so sind es heute meistens die rechten, während die linken entsetzt zusehen, wie die Institutionen unter dem Marsch der mit sich selbst identischen Selbstgenießer erbeben. Kraftvoll schiebt sich die kontinentale Platte des Privaten über die des Öffentlichen.

          Es ist wie in einer Tschechow-Inszenierung von Frank Castorf (der in 24 Jahren nie an Rücktritt dachte): Jeder Selbstwirksamkeitserfahrung beraubt, flüchten die Figuren von Selbsthass in exzessiven Selbstgenuss und rufen: „Wir wollen unser Leben zurück!“, bevor sie es sich in den Rängen bequem machen, um zeternd den Fortgang des Stücks zu kommentieren. Das Politische ist in seine postdramatische Phase eingetreten, und es fühlt sich total streberhaft an zu sagen, dass niemand eine Insel ist, das Private eine öffentliche Errungenschaft und persönliches Glück auch davon abhängig, dass jemand irgendwo ein Amt ausübt.

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