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Ibsens „Gespenster“ in Wien : Das Theater geht weiter, das Leben nicht

  • -Aktualisiert am
Das Traumpaar eines verfehlten Lebens, das aber Gespenster wunderbar aushält: Kirsten Dene als Helene Alving und Martin Schwab als Pastor Manders in David Böschs Inszenierung von Henrik Ibsens „Gespenstern“ im Wiener Akademietheater.

Das Traumpaar eines verfehlten Lebens, das aber Gespenster wunderbar aushält: Kirsten Dene als Helene Alving und Martin Schwab als Pastor Manders in David Böschs Inszenierung von Henrik Ibsens „Gespenstern“ im Wiener Akademietheater. Bild: Reinhard Werner

Spuk mit Paaren: Das Leben lässt sie untergehen, das Theater auferstehen. David Böschs grandiose Inszenierung von Ibsens „Gespenstern“ mit Kirsten Dene und Martin Schwab in Wien.

          5 Min.

          Die Bühnenrückwand des Wiener Akademietheaters ist zur Gänze mit einem riesigen Bild verhängt. Es zeigt einen leichenblassen, fahlen, knochig schmalen dämonisch-teuflischen Männerkopf, der aus leeren, aber fanatisch glühenden Augen in ein nahes Nichts starrt: Kammerherr Alving, seit zehn Jahren tot. Vorne an der Rampe ist er noch mal gegenwärtig: in Form einer klassisch glatten, völlig undämonischen Gipsbüste. Doppelt präsent, hält er die Vergangenheit, die nicht vergehen will, länger vor. Sie wuchert auf der Bühne. Überall Spinnweben. Der Flügel rechts hinten wie die vielen Sessel und Tischchen und Lampen im weiten Raum: versunken unter Leichentüchern, Staubdecken, Abdeckplanen. Und selbst die Bücherhaufen links vorne, angeblich gefährliche aufklärerische Schriften, scheinen nichts als Staubfänger. Ebenso wie der Plattenspieler, auf dem, wenn man wie Pastor Manders zufällig dagegenhaut, altes, gerilltes Vinylgepresstes noch urälteren Rock ’n’ Roll krächzend erbricht. Allein die drei großen offenen Kartons mit „Schlumberger“-Schampus, aus denen man sich kräftig bedient, scheinen aus der Gegenwart an die Rampe dieses bis Anno Tobak verlängerbar scheinenden Vergangenheitsspuks gerutscht zu sein.

          Man spielt hier im Bühnenbild von Patrick Bannwart „Gespenster“ von Henrik Ibsen. Ein altes Stück aus dem Jahr 1881. Es handelt wie neu davon, dass das Leben nicht weitergeht - in Krisenzeiten. Dass die Toten über die Lebenden herrschen. Dass das Falsche alles Richtige vergiftet. Und wer zu fliehen versucht, gerät umso gnadenloser in die alten Schlingen. Es gibt kein Entkommen aus Ibsens Weltgerichtssaal. Dort wird, wie immer bei ihm, Familienrecht gesprochen. Er nennt seine „Gespenster“ ein „Familiendrama in drei Akten“. Mit allseits sorgfältig verstopften Mausfluchtlöchern.

          Fortschrittskritik in Reinkultur

          Kammerherr Alving, zu dessen ehrendem Andenken sie an seinem zehnten Todestag ein Kinderheim (ausgerechnet!) errichten, für dessen Stiftungsgelder seine Witwe gesorgt hat, die den wahnwitzigen Ehrbarkeitsschein bis zur entsagenden Erschöpfung aufrecht hält, war ein unehrenhafter Wüstling, Frauenvergewaltiger, Ehebrecher und Syphilitiker. Sein wurmstichiger Sohn Osvald, Künstler und Maler, den die Mutter panisch vom Vater fernhielt, kehrt am Tag der Denkmalseinweihung aus Paris heim. Was er an venerisch verseuchtem Gen-Gut qua Geburt ererbt von seinem Alten, kommt jetzt zum Ausbruch: Gehirnerweichung, Regression ins Lall-, Windel- und Wickelstadium: „Mutter, gib mir die Sonne.“ Zuvor hatte er seine Mutter noch um Sterbehilfe gebeten, wenn es so weit sein sollte. Osvald hat für diesen Zweck Morphium gehortet. Regine, Hausmädchen bei den Alvings, in die Osvald sich verliebt hatte und mit der er ins Offene, Freie ausbrechen wollte, verlässt ihn eiskalt, zumal sie sich als Osvalds Halbschwester herausstellt, Frucht eines Techtelmechtels des alten Kammerherrn-Wüstlings mit einem Hausmädchen.

          All dies zusammen ergab 1881 den bis dahin unerhörten Trompetenstoß der dramatischen Moderne. Mit dem Modermaterial des Alten. Zwischen Altem und Neuem aber: die herrlich pure Verzweiflung. Übers Ausweglose. „Gespenster“ ist Fortschrittskritik in Reinkultur. Ein Stück für die Zeiten, in denen keiner mehr weiterweiß. Aber trotzdem weitermacht. In absurder Untergangswürde. Motto: Nur Verzweiflung kann uns retten.

          Vom Widerling und Wüstling

          Die Dame in Grau zum Beispiel. Graue Haare, grauer Morgenmantel, graues Gesicht. Frau Alving: eine Lebensabwehrkämpferin, eine Zusammenhalterin, eine Fassadenaufrechterhalterin, eine Gräbenzuschütterin - aus Verzweiflung. Kirsten Dene, die Schauspielerin, die in jedem Schrecken einen Witz und in jeder Komik ein Entsetzen lebenswitzsatt herzklopfen hört, drängt die Angst der Frau Alving vor dem Zusammenbruch aller Fassaden und vorm Wegblasen aller Spinnweben der Vergangenheit mit herzzerreißendem Schwung in die Seelenecke, wo der Besen des Großreinemachens steht. Und man kann ihr hingerissen zuschauen, wie sie peu à peu diesen Lebens- und Wahrheitsbesen sanft ergreift und dann ruhig entschlossen, aber schon auch ein bisschen schwindlig vor so viel Abgrundtollheit mit dem Auskehren und Ausmisten beginnt. Ihre Frau Alving macht aus ihrer Verzweiflung eine schwäbisch-nordische Kehrwoche.

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