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Ian McEwan über die Attentate : Wir sind jetzt Bürger von Paris

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Nichtsahnend in der Nähe des Geschehens: der britische Schriftsteller Ian McEwan Bild: dpa

Der britische Schrifsteller Ian McEwan befand sich während der Attentate in einem Restaurant in Paris. Die Kugeln des Todeskults trafen zufällig andere. Ein Aufruf zu Solidarität und Widerstand.

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          Der Todeskult hat seine Stadt gut ausgesucht – Paris, die säkulare Hauptstadt der Welt, eine Metropole, wie man sie sich gastfreundlicher, vielfältiger und reizvoller nicht vorstellen könnte. Und die Anhänger des Todeskults haben ihre Ziele in dieser Stadt mit grauenhafter, selbstzerstörerischer Präzision gewählt – alles, was sie verachteten, lag an diesem fröhlichen Freitagabend offen vor ihnen: Männer und Frauen in entspannter Unterhaltung, Wein, freies Denken, Gelächter, Toleranz, Musik – wilder und spöttischer Rock und Blues. Die Todeskrieger kamen bewaffnet mit brutalem Nihilismus und einem Hass, der sich unserem Verständnis verschließt. Ihr Schutzpanzer war der Selbstmordgürtel, ihre Idee des unauffindbaren Verstecks das tugendhafte Jenseits, wohin kein Polizist ihnen folgen kann. (Das Paradies der Dschihadisten erweist sich immer stärker als eine der schlechtesten Menschheitsideen: Mordbrennerei in diesem Leben, ewige Ruhe im Kitsch des nächsten.)

          Paris erwachte an diesem Morgen betäubt und gedemütigt, um sich auf die neue Lage zu besinnen. Wer von uns in der vergangenen Nacht in die Stadt ausgegangen war, kann sich nur wundern über die Launen des Schicksals, die uns leben und andere sterben lassen. Als das Schlachten begann, waren meine Frau und ich in einem ehrwürdigen Pariser Etablissement, einem Musterbeispiel des bescheidenen guten Lebens seit 1845. In diesem charmanten Restaurant im sechsten Arrondissement teilt man überfüllte Tische mit gutwilligen Fremden, Auswärtige und Einheimische mischen sich in freundlichem Gedränge. Bei Pouilly Fumé und Heringsfilet boten wir ein so gutes Ziel wie jeder andere. Die Krieger des Kults wählten das elfte Arrondissement und das zehnte, kaum eine Meile von uns entfernt, und wir wussten nichts davon.

          Jetzt wissen wir es. Was ist die neue Lage? Sicherheitsvorschriften werden verstärkt werden und Paris wird etwas von seinem Zauber verlieren. Der notwendige Ausgleich zwischen Sicherheit und Freiheit wird eine Herausforderung bleiben. Die Kugeln und Bomben des Todeskults werden wiederkehren, hier oder andernorts, dessen können wir sicher sein. Die Bürger von London, New York und Berlin richten sich mit nervöser Aufmerksamkeit darauf ein. Im Januar waren wir alle Charlie Hebdo. Jetzt sind wir alle Bürger von Paris. In einer dunklen Zeit ist das eine Frage der Ehre.

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