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Hyperaktivität : Diese Krankheit ist eine Rebellion der Kinder

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Hyperaktivität kann die besten Wirkungen zeigen: Adriana Altaras beim Treffen in Osnabrück, wo sie ihre Inszenierung des Musicals „Anatevka“ vorbereitete Bild: Christian Burkert

ADHS bezeichnet Hyperaktivität - meist bei Kindern. Aber auch Erwachsene haben sie, zum Beispiel Adriana Altaras. Die Schauspielerin hat in Berlin ein Opernprojekt mit unruhigen Kindern durchgeführt. Es war hart, aber erfolgreich.

          Sie ist schnell. Mit Schwung kommt sie aus dem Bühneneingang um die Ecke geschossen. „Da ist sie ja“, ruft sie ihrer Kostümbildnerin Yashi Tabassoni zu und deutet mit einer Geste zu mir, die mich kurz stutzen lässt, ob ich mich wohl verspätet habe. „Gar nicht, aber wir müssen jetzt unbedingt etwas essen“, lacht sie zurück.

          Wir treffen uns, um über ADHS zu reden, über Hyperaktivität bei Kindern und Erwachsenen. Kürzlich hat die Universität Vancouver eine großangelegte Studie publiziert, der Daten von einer knappen Million Kinder zugrunde liegen. Ihre Krankheitsgeschichten wurden von den Forschern über einen Zeitraum von elf Jahren hinweg verfolgt. „Die auffälligsten Kinder waren immer die kreativsten“, wird sich Adriana Altaras später an ihre eigenen Erfahrungen mit ADHS-Kindern erinnern. „Das ist eine Zeitdiagnose“, sagt sie, „eine moderne Definition, die man für überforderte Schüler, Eltern und Lehrer gefunden hat.“

          Mit hungrigen Schritten zum Ratskeller

          Die neue Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass vor allem früh eingeschulte Kinder sehr oft eine nicht zutreffende ADHS-Diagnose gestellt bekämen. Was fälschlicherweise als krankhaft interpretiert und dann medikamentös behandelt werde, sei oft in Wahrheit nur ein altersgemäß unreifes Verhalten.

          Adriana Altaras überrascht dieses Ergebnis nicht im Geringsten. Sie ist überzeugt davon, dass man ihr diese Diagnose auch gestellt hätte, wenn das ganze Phänomen früher schon ein Thema gewesen wäre. Da es das nicht war, habe man sie auf die Waldorfschule geschickt, statt sie mit Ritalin ruhigzustellen. Und dort habe sie „noch nicht einmal Heil-Eurythmie“ verordnet bekommen.

          Im Moment inszeniert sie „Anatevka“ am Theater Osnabrück. Hungrigen Schrittes steuern wir auf die Terrasse des „Ratskellers“ zu, wo sie sich auf ein Schnitzel freut, dann aber die Seezunge isst, die der Kellner versehentlich serviert hat. „Man soll kein Essen verschwenden“, argumentiert ihr jüdisches Gewissen. „Und freitags soll man doch Fisch essen, oder?“, relativiert es sich scherzhaft wieder selbst.

          Ritalin statt Waldorfschule: Adriana Altaras weiß, dass früh eingeschulte Kinder oft eine nicht zutreffende Diagnose bekommen

          Vom urdeutschen Charme der Waldorfschule, die sie besucht hat, kann man sich in ihrem Roman „Titos Brille“, dem 2011 erschienenen literarischen Debüt, ein Bild machen. Nein, natürlich war es nicht die Schule, die sie gerettet habe, es war die Kunst. Das jedenfalls ist Altaras’ Theorie - spätestens, seit sie als Regisseurin der „HypOp“ Musiktheaterprojekte an der Berliner Staatsoper auf Initiative des damaligen Intendanten Peter Mussbach gemeinsam mit Yashi Tabassoni und der Dramaturgin Ilka Seiffert einige Jahre lang mit ADHS-Kindern zusammengearbeitet hat. Mussbach, der nicht nur Musik, Theaterwissenschaften, Soziologie und Rechtswissenschaften studiert hat, sondern auch promovierter Neurologe ist, wollte herausfinden, ob der Umgang mit Musik eine Alternative zur umstrittenen, weil mit starken Nebenwirkungen belasteten Ritalin-Behandlung darstellen könne. „Die Tablette ist natürlich auch lebensnotwendig“, konzediert Altaras, „ für die Eltern.“ Sie lacht. „Auch für die Kinder“, lenkt sie ein, „die den ganzen Tag nur gesagt bekommen, wie sehr sie nerven, und denen das Medikament dann, wie ein Schmerzmittel, eine Phase der Ruhe ermöglicht, aus der sie neues Selbstvertrauen und Kraft schöpfen können.“

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