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Feier für Bürgerrechtler : Der globale Sacharow

  • -Aktualisiert am

Ein Bild von Andrej Sacharow an den Resten der Mauer in Berlin Bild: Picture-Alliance

Er war eine der wichtigsten Stimmen der Rechtstaatlichkeit in Russland, dabei lag seine größte Expertise in der Wissenschaft. Beobachtungen von der Hundertjahrfeier zu Ehren Andrej Sacharows.

          3 Min.

          Die lange geplante Hundertjahrfeier für den sowjetrussischen Physiker und Menschenrechtler Andrej Sacharow begann in Moskau mit einem Verbot. Die Genehmigung für die Freilichtschau im Stadtzentrum, die das Sacharow-Zentrum vor einem Jahr erhalten hatte, wurde kurz vor der Eröffnung zurückgezogen – angeblich benötigte man die Gestelle für Gedenktafeln an den Sieg im Zweiten Weltkrieg. Das Sacharow-Zentrum, das vom Justizministerium zum „Ausländischen Agenten“ erklärt wurde, hat die Schau ins Netz verlegt und begeht Sacharows Ehrentag mit einer Literaturlesung für Russlands politische Gefangene.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Unterdessen vergegenwärtigt die Historische Gesellschaft „Memorial“, deren Gründung auf Sacharows Initiative zurückgeht und die ebenfalls als „Ausländischer Agent“ gilt, mit einer Ausstellung, wie der Wissenschaftler in seinem letzten Lebensjahr 1989 faktisch im Alleingang um eine Erneuerung der Sowjetunion (abzüglich der baltischen Staaten) auf der Grundlage der Menschenrechte und der Aufarbeitung der Stalinverbrechen kämpfte. Sacharows moralische Autorität war einzigartig, sagt die Leiterin der Bildungsprogramme von „Memorial“, Irina Scherbakowa, die ihn persönlich erlebt hat. Der Forscher hatte nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Geheimlabor, das Zwangsarbeiter einsetzte, für sein Land die Wasserstoffbombe entwickelt, wofür er als jüngstes Vollmitglied in die Akademie der Wissenschaften gewählt und mit dem Stalin- und Leninpreis ausgezeichnet wurde.

          Wortführer einer Gegenöffentlichkeit

          Obwohl Sacharow angesichts der Verbrechen der KPdSU eine Mitgliedschaft in ihr ablehnte, löste er sich nur allmählich, unter dem Eindruck der Umweltzerstörungen am Baikalsee, der Rehabilitierung von Stalin, vor allem aber der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968, von dem, was er später ehrlich als Spezialistenautismus beschrieb. In jenem Jahr formulierte er seine „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und intellektuelle Freiheit“, worin er aufrief, die Systemgegensätze in Ost und West und die damit verbundene Kriegsgefahr zu überwinden, für wissenschaftsbasierte Bildung statt Demagogie und für einen Sozialismus plädierte, der geistige Freiheit gewährt. Der Traktat machte Sacharow zum Wortführer einer Gegenöffentlichkeit, kostete ihn jedoch seinen privilegierten Arbeitsplatz und brachte ihm Schlägerattacken, Bespitzelung und Diffamierung ein, wobei auch seine Frau Jelena Bonner zur Zielscheibe wurde.

          Sacharow dachte konsequent global. Seine Forderung nach Demokratie, Menschenrechten und wirtschaftlicher Effizienz machte vielen, die unter dem Sowjetsystem litten, bewusst, dass nicht sie wahnsinnig waren, sondern das Regime. Trotz seiner zunehmenden Isolation durch die Machthaber prangerte er die Inhaftierung und die psychiatrische Zwangsbehandlung von Andersdenkenden an. Mehrfach trat er in den Hungerstreik und konnte dadurch die Ausreisegenehmigung seiner Frau für medizinische Eingriffe sowie die Ausreise seiner Schwiegertochter in die Vereinigten Staaten erwirken. Den Friedensnobelpreis, den er 1975 erhielt, musste seine Frau für ihn entgegennehmen.

          Nachdem Sacharow die sowjetische Invasion Afghanistans kritisiert hatte, wurde er festgenommen und nach Gorki, wie Nischni Nowgorod damals hieß, zwangsexiliert. Nach sechs Jahren, während deren er weiter bedroht, beschattet und während eines Hungerstreiks zwangsernährt wurde, holte Gorbatschow Sacharow Ende 1986 zurück nach Moskau. Dort ließ er sich in den Volkskongress wählen, stritt für Reformen, insbesondere für ein Mehrparteiensystem, eingeschränkte Vollmachten des Staatsoberhaupts und das Recht aller Völker auf Eigenstaatlichkeit.

          Ungeachtet seiner schmalen Gestalt und der brüchigen Stimme war Sacharow eine starke, optimistische Natur, sagt der Leiter des Sacharow-Zentrums, Sergej Lukaschewski. Im Denken einsam und seiner Zeit voraus zu sein, das war für den Wissenschaftler normal. Dass sein plötzlicher Tod natürlich war, bezweifelten viele, die ihn kannten, so auch Scherbakowa. Mit ihm verlor Russland seine wichtigste, im In- und Ausland angesehene Stimme für Rechtsstaatlichkeit und zivilisatorischen Fortschritt, sagt Scherbakowa, was die Revanche der Geheimdienstler, zunächst als Experten fürs Grobe, bevor sie unter Putin das ganze Land übernahmen, erst möglich machte. Nicht umsonst wurde der Oppositionspolitiker Alexej Nawalnyj, der sich in die Fänge der russischen Unrechtsjustiz begab, um diese zu desavouieren, mit Sacharow verglichen. Leider hat das System Putin mit seinem Mix aus Einschüchterung, Gewaltverherrlichung und antiaufklärerischem Ressentiment in der russischen Gesellschaft tiefere Wurzeln geschlagen als Sacharows Erbe.

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