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Hundekultur : Des einen Pudel ist des anderen Mops

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Sein Blick ist der Blick des unbeholfenen Kindes: Der Mops Bild: DKimages

Zeig mir deinen Hund und ich sag dir, wer du bist. Mops und Pudel sind die Insignien des „Otto Normalabweichers“: Eine kleine Soziologie und Physiognomik aktueller Hunde-Vorlieben.

          Dass die Menschen den Tieren, mit denen sie sich umgeben, zuweilen ähneln, wird eine Populärpsychologie nicht müde uns weiszumachen. Und wer liefert für derlei Thesen triftigere Evidenz als der Hund, unter den Haustieren nach wie vor auf Platz eins, fügsam und doch gesellig, treu und doch eigensinnig, in der Beliebtheit der Rasse abhängig von den wechselnden Trends der Zeit?

          Das Verschwinden des Pudels aus dem Straßenbild etwa ist ebenso auffällig wie die unübersehbare Präsenz des Mopses. Seit längerer Zeit schon läuft er dem Dackel, dem Klassiker moderaten Eigensinns, oder dessen buntem artistischem Gegenüber, dem Jack Russel Terrier, ja, sogar dem Bürgen des Familienfriedens, dem Retriever, den Rang ab. Mit dem Rückzug des Pudels aus dem öffentlichen Raum vollzieht sich ein Wandel im Selbstverständnis des modernen Menschen. Der Pudel, mit der dank aufwendiger Frisur verspielt virtuosen Exzentrizität seines Auftretens, eignete sich für die Demonstration einer randständigen Lebensform. Ein gestyltes Geheimnis, ein Tier der gepflegten Nonkonformität, seit Goethes „Faust“ der Geist, der stets verneint, wurde zum bevorzugten Begleiter von Menschen in zugeschriebener oder empfundener Marginalität, in deren Lebensentwurf sich die Bizarrerie des artistisch verspielten Pudels als ein stellvertretend nach außen gestelltes „Dennoch“ anbot. Ein bis an den Rand der Karikatur demonstrierter, trotziger oder lässig distanzierter Anspruch auf Zugehörigkeit - von Arthur Schopenhauer bis Rosemarie Nitribitt.

          Pirouetten der Nonkonformität

          Zum Outfit des modernen Menschen zählt es, von derart aufwendig demonstrativer Exzentrik entlastet zu sein. Einen Kumpan, dem man den Entwurf von Einzigartigkeit überlässt, braucht es nicht mehr. Die sportiven Pirouetten der Nonkonformität sind internalisiert, „Otto Normalabweicher“ hat sie sich auf seinen Leib geschrieben, die Exzentrizität ist verstummt, im Tattoo lauert sie auf ihren Auftritt.

          Gibt es noch Zeitgenossen ohne das Versprechen irgendeiner geheimnisvollen Ornamentik an Armen, Beinen oder im Nacken? Selbst der ICE-Schaffner trägt einen Ohrring, hat stylish gefärbte Haare. Der moderne Angestellte artikuliert sich diesseits seiner Uniform als ein Mensch mit einem Anspruch auf Einzigartigkeit, diskret auffällig, und zwar in dem Maße, in dem die sozialen Beziehungen in Beruf und Arbeit als statusentlastet und schnörkellos verstanden werden und sich auf einen Alltag jenseits anstrengender Zumutungen zeremonieller Kommunikation eingependelt haben.

          Allerdings scheint die allfällige Lässigkeit auch ihren Preis zu fordern, und das bringt den Mops ins Spiel. Ist der Anspruch darauf, besonders zu sein, internalisiert, dann verliert der öffentliche Raum als eine Bühne für die Demonstration von Exzentrik an Bedeutung. Wenn niemand mehr schaut und jeder an jedem Ort omnipräsent ist, wenn gleichgültig wird, wo man sich tatsächlich momentan befindet, dann erübrigt sich der Blick, man verschließt die Augen wie die Ohren, die an eine gewünschte Eigenwelt gestöpselt sind, und wird gegenüber der Geräuschkulisse des aktuellen Raums verschlossen bleiben. Im leer gewordenen öffentlichen Raum, dem großen Arrangement mit der Normalität der Abweichung, markiert der Auftritt des Mops eine ewige Sehnsucht nach Zuwendung.

          Der Mops übernimmt mit seinen großen Augen die Erinnerung an die Zeit der Kinder. Er spiegelt eine Lebensform, die durch die Ethik der Sorge um den anderen bestimmt war, eine Ethik der voraussetzungslosen Güte. Seine rassischen Qualifikationen, die ihn derzeit als „lustigen Gesellen“ den europäischen Markt für Haustiere erobern lassen, machen ihn zu einem Begleiter, der zuwendungsbereit ist und dabei zugleich grenzenlos verzeiht. Tolpatschig und liebenswürdig, imponiert er in einer Qualifikation, die ihm schon früh das Privileg eingebracht hat, als eine Art leibhaftige Gegenfigur des affektneutralen, zeremoniellen Umgangs auf den Schößen der europäischen Hocharistokratie Platz nehmen zu dürfen. Sein Blick ist der Blick des unbeholfenen Kindes, nach dem man sich sehnt, eines Kindes, dem in einer dauerhaften Fürsorgebeziehung sich zuzuwenden kaum jemand mehr zu wagen scheint.

          Der Hund der demographischen Krise

          Die Liebe zum Tier ist, nach einer berühmten Formulierung von Sigmund Freud, Liebe ohne Ambivalenz. Die Sehnsucht nach der Sorge, die wie aus vergangenen Zeiten einen anblickt, wird lebendige Idee; sie lässt sich mit dem Mops auf den Schoß nehmen. Und das umso inniger, je deutlicher sie von der mimischen Gestalt des Mops-Gesichts als unerfüllt-unerfüllbar unterstrichen wird, ein Enttäuschungs-Smiley, in die Falten der herunterhängenden Lippen verlegt.

          In den drolligen Augen begegnet der vielbeschäftigte Zeitgenosse einem Mythos. Er umgibt sich mit einer gefälligen Mahnung, aber einer, die zugleich bestätigt, es gebe doch in der unentrinnbaren Welt der zugemuteten Abstraktionen ein Gemüt, so wie die Melancholie statt der Trauer eine im Grunde egozentrische Geste des Verlassenseins enthält. Der Mops, der Geist, der stets bejaht, hält, ganz jenseits der Karikatur, in der Loriot ihm ein Denkmal gesetzt hat, einen Spiegel: Er ist das lebendig gewordene Steiff-Tier, der Hund der demographischen Krise, der Hund der kinderlosen Gesellschaft.

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