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Humboldt-Forum : Und täglich grüßt das Igelskelett

Geplanter Hort des „Weltwissens”: Bislang existiert das Berliner Schloss samt Humboldt-Forum nur im Modell Bild: dpa

Um das geplante Humboldt-Forum im Berliner Schloss wird weiter gestritten. Die Anforderungen an das Gebäude sind vielfältig. Jetzt offenbart eine Vorab-Ausstellung im Alten Museum die konzeptionellen Probleme einer Galerie des „Weltwissens“.

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          Die Stadt Tecla, berichtet Italo Calvino in seinen „Unsichtbaren Städten“, sei ständig hinter hohen Bauzäunen, Gerüsten und Verschalungen versteckt. Wenn ein Besucher frage, warum die Arbeiten so lange dauerten, erhalte er die Antwort: „damit nicht die Zerstörung beginnt“. Erkundige er sich aber nach dem Plan, der dem Bau zugrunde liege, zeigten die Bewohner in den Sternenhimmel: „,Da ist das Projekt', sagen sie.“

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wer sich in diesen Tagen nach dem Stand der Planungen für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses als Humboldt-Forum der Weltkulturen erkundigt, dem geht es ungefähr so wie dem Städtereisenden bei Calvino. Seit achtzehn Jahren wird das Projekt diskutiert, seit sieben Jahren ist es beschlossen, und seit acht Monaten gibt es mit dem Entwurf des Italieners Franco Stella auch endlich einen überzeugenden Bauplan. Aber noch immer ist, was die endgültige Form und den Inhalt des Gebäudes angeht, fast alles offen. Das liegt weder an Stella noch an den Brüdern Humboldt, unter deren Namen sich jedes halbwegs schlüssige Museumskonzept vermarkten ließe. Es liegt an dem Ideenhimmel, der das Projekt „Humboldt-Forum“ überwölbt, seit es erstmals zu Papier gebracht wurde - an seiner schimmernden Fülle und tiefen Undurchsichtigkeit zugleich.

          Vielfältige Bedürfnisse

          Seit Beginn des Jahres verhandeln die zukünftigen Nutzer des Gebäudes, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), die Humboldt-Universität und die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, mit dem italienischen Architekten über die Anpassung seines Entwurfs an ihre Bedürfnisse. Gerade erst, heißt es, sei ein entscheidender Durchbruch erreicht worden, offenbar im wörtlichen Sinn, denn es geht um die Geschossordnung des Bauwerks. Die Preußenstiftung wünscht sich größere Räume für ihre Schaustücke aus der Südsee und für die Konzertsäle und Kunsthallen der sogenannten Agora, und so wird der westlich gelegene Eosanderhof wohl stärker zugebaut werden als von Stella geplant, während der östliche Abschluss des Gebäudes, das Belvedere, mit dem Baukörper verschmelzen und so seine ursprüngliche Bestimmung als Flanierzone verlieren soll.

          Interimszustand: Bis zum Baubeginn 2010 soll die Fläche auf dem Schlossareal provisorisch begrünt werden
          Interimszustand: Bis zum Baubeginn 2010 soll die Fläche auf dem Schlossareal provisorisch begrünt werden : Bild: dpa

          Solche Nachbesserungen, deren Details erst im Oktober bekanntgegeben werden sollen, machen Stellas Konzept nicht kaputt, nehmen ihm aber einiges von seiner Originalität. Viel schlimmer wiegt dagegen die Panne, die dem Bundesbauminister im Zusammenhang mit der Wettbewerbsausschreibung im vergangenen Jahr unterlaufen ist. Offenbar kann Stella nur mit Mühe eine der zwei Bewerbungskriterien erfüllen - dreihunderttausend Euro Durchschnittsumsatz oder vier feste Mitarbeiter in den vergangenen Jahren -, ohne dass das Ministerium deren Einhaltung im Geringsten überprüft hätte (F.A.Z. vom 3. Juli). Stellas unterlegener Mitbewerber Hans Kollhoff hat inzwischen eine formale Rüge beim zuständigen Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) eingereicht. Der Fall könnte im Lauf dieses Jahres noch die Gerichte beschäftigen.

          Hort des Weltwissens

          Die Ausstellung im Alten Museum, mit der die drei am Schloss beteiligten Institutionen von morgen an ihre Vorstellungen vom Humboldt-Forum vor Augen führen wollen, findet also unter reichlich gemischten Vorzeichen statt. Vor allem trägt sie die Last all jener Begriffshülsen und Schlagworte, die in den vergangenen Jahren über das Projekt hereingebrochen sind und die sich jetzt in einen Sammelband ergossen haben, den Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zusammen mit dem früheren Berliner Kultursenator Thomas Flierl herausgegeben hat.

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