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Humboldt-Forum schämt sich : Triggerwarnung vor Preußen

  • -Aktualisiert am

Umstrittene Inschrift auf der Kuppel des Humboldt-Forums Bild: dpa

Die Verantwortlichen im Humboldt-Forum wollen sich mit einer Texttafel von der wiedererrichteten Schlosskuppel distanzieren. Der Text steckt voller historischer Fehler.

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          Wovor muss man die Menschen „da draußen im Lande“, wie es so schön heißt, eigentlich alles warnen? Vor Steinschlag natürlich, auch vor bissigen Hunden; vor Wildwechsel und ge­le­gent­lich vor giftigen Dämpfen. Im Berliner Humboldt-Forum nun soll die Bevölkerung in Zukunft vor einer Kuppel gewarnt werden: der re­kon­stru­ier­ten Kuppel des Berliner Ho­henzollernschlosses. Deren Wiederherstellung hat der Bundestag vor fünfzehn Jahren mit Zweidrittelmehrheit beschlossen – und dabei offenbar übersehen, dass zur kompletten Kuppel auch ein Kreuz und eine Inschrift gehören, in der es heißt, dass „in dem Na­men Je­su sich beugen sollen aller de­rer Knie, die im Himmel und auf Er­den“ seien.

          Mit solchen Sätzen und Symbolen möchten die Veranstalter im Humboldt-Forum, das bekanntlich für Weltoffenheit steht, nichts mehr zu tun haben. Deshalb wollen sie nächste Woche die Errichtung einer Texttafel beschließen, die für die Kuppel ungefähr das darstellt, was man bei Bü­chern und Filmen als Triggerwarnung bezeichnet. Da­rin heißt es etwa, während des Kuppelbaus sei 1848 in Berlin die Revolution ausgebrochen. Und: „Auf dem Schlossplatz starben 270 Menschen, als das Militär in die Menge der De­mon­strie­ren­den schoss.“ Das ist falsch. Wer will, kann nachlesen, dass Kuppel und Laterne zum Geburtstag ihres Auftraggebers Friedrich Wilhelm IV. am 15. Oktober fertig dastanden, nur Innenausbau und Skulpturenschmuck zo­gen sich noch Jahre hin. Und auf dem Schlossplatz starb während der Märzrevolution niemand, dafür forderten die Barrikadenkämpfe fast dreihundert Opfer, darunter fünfzig Soldaten.

          Auch die Behauptung, der preußische König habe mit der In­schrift deutlich ge­macht, „dass er sich nur Gott verpflichtet fühlte, niemals aber einem von einem Parlament verabschiedeten Schriftstück“, ist ziemlich freihändig formuliert: Schließlich erließ derselbe Friedrich Wilhelm En­de 1848 eine Verfassung, in der seine königliche Macht, etwa im Finanzwesen und bei der Kontrolle der Ge­rich­te, durchaus parlamentarisch eingeschränkt wurde; sie galt im Königreich Preußen bis 1918. Aber um solche historischen Details scheint es den Humboldt-Verantwortlichen nicht wirklich zu ge­hen. Ihre Warntafel ist in Wahrheit eine Er­satz­hand­lung.

          Die Triggerwarnung, die sie eigentlich meinen, müsste nicht wie ge­plant auf dem Dach, sondern vor dem Haupteingang des Humboldt-Forums prangen. Textvorschlag: „Liebe Besucher, das Ge­bäude, vor dem Sie stehen, ist kein Schloss, aber auch nichts anderes. Die deutsche Kulturpolitik hat es errichten lassen, ohne genau zu wissen, was sie damit anfangen will. Auch wir wissen es nicht, aber wir haben die Aufgabe, es zu bespielen. Deshalb distanzieren wir uns vorab ausdrücklich von allem, was daran Anstoß erregen könnte, notfalls auch von uns selbst. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Gleichstellungs- oder Postkolonialismusbeauftragte.“

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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