https://www.faz.net/-gqz-9ha1i

Humboldtianer in Mexiko : Die Neugier blieb leider daheim

  • -Aktualisiert am

Yucatán, die in die Karibik ragende Halbinsel, ist ein Zentrum des Maya-Reichs. Die Pyramide von Chichén Itzá wird jedes Jahr von Hunderttausenden Touristen besucht. Bild: AFP

Die Menschenopfer der Azteken und Mayas wirken harmlos gemessen am Blutzoll des mexikanischen Drogenkriegs. Das hielt Humboldt-Forscher nicht davon ab, im Zentrum des Maya-Reichs völlig unpolitisch zu konferieren.

          4 Min.

          Alexander von Humboldt war ein großer Reisender vor dem Herrn. Auf seinen Spuren versammelt sich alle paar Jahre eine schier unüberschaubare Fangemeinde. Wissenschaftlich gesehen, war und ist Alexander von Humboldt das fehlende Bindeglied zwischen Linné und Darwin, literarisch steht er auf halbem Weg zwischen Goethe und Karl May. Für heutige Verehrer Humboldts ist dessen Leben und Werk vor allem ein Vorwand für Abenteuerreisen, je weiter weg, desto besser, denn der von Universitätsinstituten gesponserte Kongress-Tourismus ist ein boomendes Geschäft, das der Kreuzfahrtindustrie Konkurrenz macht. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wer Humboldts Fernreisen finanzierte und ob der König von Spanien dem preußischen Baron so weitreichende Privilegien erteilt hätte ohne die Bedrohung durch Napoleon, der, anders als die germanophile Madame de Staël, Humboldt nicht mochte – er hielt ihn für einen Spion.

          Doch das sind Spekulationen. Sicher ist nur, dass Humboldt zwar Mexiko durchquert hat, aber nie in Mérida war, der Hauptstadt von Yucatán, wo echte und eingebildete Humboldtianer sich jetzt trafen, um Forschungsergebnisse auszutauschen. Ein wahrhaft historischer Ort, denn die in die Karibik ragende Halbinsel ist ein Zentrum des Maya-Reichs, dessen Aufstieg und Fall noch immer Rätsel aufgibt. Und hier, erderschütternd im wahren Sinne des Worts, liegt das Epizentrum des Meteoreinschlags, der vor 66 Millionen Jahren die Saurier ausrottete, die im Mesozoikum alle ökologischen Nischen bevölkerten, ein Massensterben, das den Säugetieren zugutekam, deren Siegeszug damals begann, von der Beutelratte bis zum Homo erectus.

          Die Schlussfolgerungen überließ er anderen

          All das hätte Humboldt mit Sicherheit interessiert, ja fasziniert, zumal er früher als andere erkannte, dass die Kultur der Azteken und Mayas nicht von den alten Ägyptern, sondern aus der Neuen Welt stammte, in die der Homo sapiens, Tierherden folgend, über die Beringstraße gelangte. Um Missverständnissen vorzubeugen: Zwar sind mehrere Asteroiden, ein Mondkrater, eine Affenart, ein eiskalter Meeresstrom und ein Landkreis in Nordkalifornien nach Humboldt benannt, ferner eine Bucht nach dem Landkreis und ein mehrfach preisgekrönter Ziegenkäse nach der Bucht, aber aufschlussreicher ist, was Humboldt als Naturforscher nicht entdeckte: Obwohl mehrfach kurz davor stehend, schreckte er vor epochalen Einsichten zurück und hat weder die Evolutionstheorie noch die Plattentektonik oder den Klimawandel erfasst und sich aufs Beschreiben und Klassifizieren von ihm beobachteter Phänomene beschränkt – die Schlussfolgerungen überließ er anderen. Zwar bleiben Pflanzengeographie und Vegetationsökologie mit Humboldts Namen verknüpft, doch Appelle zum Umweltschutz verhallen ungehört im heutigen Yucatán, das am Plastikmüll zu ersticken droht, weil hier wie anderswo auch ein Abgrund zwischen ökologischem Denken und Handeln klafft.

          Als John Lloyd Stephens, der die Maya-Stätten als Erster systematisch erforschte und kartographierte, sein Vorbild Alexander von Humboldt in Berlin besuchte, war er enttäuscht von dessen kühler Reaktion. Statt auf vom Urwald überwucherte Ruinen lenkte der greise Humboldt im Sommer 1847 das Gespräch auf den Krieg der Vereinigten Staaten gegen Mexiko. Eine entschiedenere Hinwendung zur politischen Aktualität hätte auch den in Mérida versammelten Experten gutgetan, denn nichts von dem, was täglich über die Bildschirme flimmerte und morgens in der Zeitung zu lesen war, kam in der Agenda des Kongresses vor, obwohl Humboldt sich am Thema Migration abgearbeitet hat.

          Die Armutskarawane von Tijuana ähnelt immer mehr einem Kinderkreuzzug. Anders als Präsident Trump, der die Teilnehmer des Flüchtlingstrecks als Gangster und Vergewaltiger diffamiert und von Spezialagenten observieren lässt, erteilt der Papst ihnen seinen Segen, und Mexikos Bevölkerung versorgt die Migranten mit Nahrung und Notunterkünften, obwohl es auch in Tijuana zu Protesten kommt. Doch die sind marginal verglichen mit Chemnitz und anderen Orten, wo Pegida den Ton angibt, ganz zu schweigen von Polen, Ungarn und so weiter.

          Weitere Themen

          Die Badenden vom Taunus

          Ernst Ludwig Kirchners Fresken : Die Badenden vom Taunus

          Im Aschaffenburger Geburtshaus Ernst Ludwig Kirchners ist eine Sensation zu sehen. Ein von den Nationalsozialisten zerstörter Lebensfries kann rekonstruiert werden. Er zeigt ein Motiv, das sich durch alle Werkphasen des Expressionisten zieht.

          Ein Kind im Winter

          Roman von Norbert Gstrein : Ein Kind im Winter

          Mit „Der zweite Jakob“, seinem fulminanten Roman über einen Mann auf der Flucht vor der eigenen Lebensgeschichte, zählt Norbert Gstrein zu den Favoriten für den deutschen Buchpreis.

          Topmeldungen

          Christian Lindner spricht und Robert Habeck wartet Anfang Oktober in Berlin.

          Keine höhere Einkommensteuer : Kröten schlucken für die Ampel

          Selbst Jürgen Trittin akzeptiert, dass die Steuern für Topverdiener nicht steigen werden. Und Christian Lindner kommt mit einem höheren Mindestlohn klar. Für ihn zeichnet sich ein Konkurrent als möglicher nächster Finanzminister ab.
          Woran festhalten, was erneuern? Hendrik Wüst blickt nach vorne.

          Kritik an Parteispitze : Die Abrechnung der Jungen Union

          Fehlende thematische Positionierung, Störfeuer aus Bayern und eine Kampagne, die zum Teil „nur noch zum Haare raufen“ gewesen sei: Der Parteinachwuchs ist beim Deutschlandtag gereizt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.