Humboldt-Skandal :
Gefährliche Gegenwart

Thomas Thiel
Ein Kommentar von Thomas Thiel
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Das Hauptgebäude der  Humboldt-Universität zu Berlin
Kritik am Transgender-Paradigma ist durch den Meinungspluralismus geschützt, urteilt ein britisches Arbeitsgericht. An der Humboldt-Universität muss sich diese Sicht erst noch durchsetzen.

Die unangenehme Wahrheit lautet: Es handelt sich bei der Humboldt-Affäre nicht um die verdrehte Weltsicht einiger Aktivisten, die Wunsch und Wirklichkeit nicht auseinanderhalten können. Es ist die Haus- und Hofideologie der Universitäten, die in Berlin nach außen getreten ist: Geschlecht ist nicht mehr als ein soziales Konstrukt. Dieses Dogma hat die unbestrittene Dominanz in kulturwissenschaftlichen Seminaren, wird von Ministerien, Parteien und einem Heer von Beauftragten weitergereicht und soll nach dem Plan der Ampelregierung gesetzlich festgeschrieben werden.

Die Studentenvertretung, die es im ersten Anlauf nicht geschafft hat, die Biologin Marie-Luise Vollbrecht zum Schweigen zu bringen, weil sie es gewagt hatte, daran zu erinnern, dass es Ei- und Samenzellen, aber keinen dritten Geschlechtszellentyp gibt, und dass die Biologie deshalb mit gutem Grund von Zweigeschlechtlichkeit spricht, diese Studentenvertretung hat ihre Taktik gewechselt und versucht es jetzt durch die Hintertür. In einem internen Schreiben, das dieser Redaktion vorliegt, ruft sie Studenten dazu auf, sich zu melden, wenn sie sich im Beisein der Biologin nicht sicher fühlen. Die Eskalation erreicht die nächste Stufe: Vollbrecht wird für gemeingefährlich erklärt. Wie weit muss persönliche Stigmatisierung an der Humboldt-Universität eigentlich reichen, bis sich die Hochschulleitung schützend vor eine Dozentin stellt?

Das Zögern der Hochschulen ist mit Indolenz allein nicht zu erklären; es ist die Unsicherheit, die in der Geschlechterfrage inzwischen herrscht. Wie wird das Gremium also entscheiden, wenn ihm die angeblich so gefährliche Gegenwart von Frau Vollbrecht gemeldet wird? Sie fühle sich unwohl in ihrer Gegenwart, so lautete der Vorwurf einer Konferenzteilnehmerin gegenüber der britischen Philosophin Kathleen Stock, die deshalb vergangenes Jahr vom Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft in Berlin ausgeladen wurde. Kathleen Stock musste an ihrer Heimatuniversität bekanntlich einen monatelangen Spießrutenlauf durchleben, bis sie entnervt das Handtuch warf. Die Hexe sei tot, jubelten ihre Gegner. Zum Glück gab es keinen Scheiterhaufen.

Man muss sich indes nicht alles bieten lassen. Die Britin Maya Forstater hat, wie der „Guardian“ berichtet, vor Gericht einen Sieg errungen. Ihr Vertrag war von einer Denkfabrik nicht verlängert worden, weil sie in Tweets geschrieben hatte, dass das innere Gefühl eines Mannes, eine Frau zu sein, ihn noch nicht dazu mache. Das Gericht urteilte nun, Kritik an der Gendertheorie (die nicht mit Feminismus zu verwechseln ist) werde vom gesetzlich verankerten Meinungspluralismus geschützt. Zugleich rief es Forstater auf, ihren Ton zu mäßigen. Das ist auch Marie-Luise Vollbrecht zu raten, die inzwischen mehrere Tweets gelöscht hat.