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Hugendubel schließt Filiale : Welch ein herber Schlag ins Kontor

Auch ohne die Dependance am Marienplatz gibt es noch knapp hundert Hugendubel-Filialen. Bild: dpa

Künftig werden am Münchner Marienplatz Telefone statt Bücher verkauft. Hugendubel muss das Herzstück seines Imperiums aufgeben. In Frage steht damit auch das ganze Geschäftsmodell: Hat die Großfläche überhaupt Zukunft?

          Sie war das Meisterstück des Heiner Hugendubel. Ein Herzstück des Unternehmens. 1979 eröffnet, war die Filiale des alteingesessenen Münchner Buchhändlers am Marienplatz das erste Buchkaufhaus Deutschlands. Auf fünf Etagen mit 3500 Quadratmetern, mit Rolltreppen, Lese-Inseln, einem Café und einem jedenfalls in den Anfangsjahren phänomenalen Sortiment von hunderttausend vorrätigen Büchern.

          Wer ein Buch sofort haben wollte – und wie viele Buchkäufer tun das nicht –, ging zu Hugendubel. Dort waren die Regalreihen doppelt bestückt, und mit etwas Glück befand sich das gesuchte Exemplar in der zweiten Reihe. Die Attacke war so erfolgreich, dass die im gegenüberliegenden Rathaus residierende Buchhandlung Kaiser aufgeben musste. Hugendubels damalige Ansage: Mittlere Größen sind dem Untergang geweiht, nur ganz groß oder klein und spezialisiert wird überleben.

          Die Trennung von Weltbild - nur Routine?

          Dass man heute genau das Gegenteil erlebt – Rückbau oder Aufgabe der Großfläche – ist die bittere Pointe in dieser immerhin siebenunddreißig Jahre währenden Geschichte. Denn jetzt kommt aus München die Kunde, dass die Filiale am Marienplatz 22 im Frühjahr 2016 schließt.

          Das ist der nächste Sargnagel für die Großfläche und ein Schlag ins Kontor für das Familienunternehmen, das ohnehin vor großen Herausforderungen steht. Soeben wurde die Trennung vom langjährigen kirchlichen Partner Weltbild besiegelt. Vordergründig ist der Vorgang freilich ein Routinefall. Der Hausbesitzer, die Bayerische Hausbau, möchte renovieren, auch die umstrittene Fassade.

          Wandel einer Branche

          Hugendubel wollte unbedingt bleiben, aber die Deutsche Telekom hat offensichtlich ein unwiderstehliches Gegenangebot vorgelegt. Sie wird künftig die unteren drei Etagen belegen, darüber sollen Büros einziehen – so sieht heute Einzelhandel in einer Top-Lage aus. Pikant ist auch, dass Hugendubel ausgerechnet von einem Geschäftspartner verdrängt wird. Hat das Unternehmen doch zusammen mit Thalia, Weltbild, dem Club Bertelsmann und eben der Deutschen Telekom vor einem Jahr elektronische Lesegeräte und Tablets unter dem Namen Tolino auf den Markt gebracht.

          Die Münchner stehen mit derzeit knapp hundert Buchhandlungen hinter Thalia noch immer als einer der größten Filialisten im Wettbewerb. Und so schwer das Unternehmen am Imageschaden und dem zu erwartenden Umsatzverlust zu tragen hat, es handelt sich hier nicht um ein Einzelschicksal, sondern um einen Wandel, der die ganze Branche angeht. Denn die Fortsetzung ist garantiert. Handel und Verlage brauchen dringend eine Idee, wie sie die Sichtbarkeit ihrer Produkte in den Innenstädten gewährleisten wollen. Gut möglich, dass sie die Antwort auf diese Frage gemeinsam finden müssen.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

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