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„House of Cards“ made in Germany : Wer übernimmt den Job?

Für jeden Anlass der passende Anzug: Im Film „Der Minister“ spielte Katharina Thalbach die Bundeskanzlerin. Das sollte sie öfter tun Bild: SAT.1

Das notorische Gejammer über unsere schlechten TV-Serien ist eine Qual. Die Polit-Serie aus Deutschland, die „House of Cards“ alt wirken lässt: So könnte sie aussehen.

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          Jetzt legt er also wieder los. Dieser Frank Underwood, der Strippenzieher von Gnaden, Machtpolitiker ohne Moral, Mephisto in Menschengestalt in der „Serie House of Cards“, der mit List und Tücke seine Gegner ausspielt und ins Weiße Haus einmarschiert.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Bei Netflix und bei Sky kann man zusehen, wie er sein Netz spinnt. Er zieht uns ins Vertrauen und macht uns zu Komplizen seiner Verbrechen. Das ist lässig und cool und ebenso grausam wie unterhaltsam.

          Kein Mangel an Begründungen

          Es ist schon oft beklagt worden, dass wir eine Serie dieser Güte oder eine wie „Homeland“ (die Liste ließe sich beliebig fortsetzen) nicht haben. Warum nicht - dafür gibt es Ausreden reichlich. Unser politisches System berge nicht die nötige Konstellation mit einem Präsidenten und einem Kongress; das handelnde Personal sei viel zu farblos und langweilig, als dass es zur Vorlage taugte, und schließlich - es mangele am kreativen Vermögen, so etwas umzusetzen, und am nötigen Geld erst recht. Hundert Millionen Euro kostet eine Staffel von „House of Cards“.

          Stichhaltig sind derlei Erklärungen nicht. Das Geld steht bei den gebührenfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen ARD und ZDF säckeweise im Keller. Die RTL-Gruppe und Pro Sieben Sat.1 werfen reichlich Gewinn ab. Produzenten, Regisseure, Schauspieler und Drehbuchautoren mit dem nötigen Vermögen haben wir auch. Im Einzelfall stellen sie das immer wieder unter Beweis. In der Politkomödie „Der Minister“ etwa, die vom Fall Guttenberg handelte, ebenso wie in dem von Thomas Schadt inszenierten Film „Der Rücktritt“ zur Geschichte des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, der am nächsten Dienstag bei Sat.1 läuft.

          Brüssel - der perfekte Ort für Ränkespiele

          Es geht, wenn man will. Spannend gestalten ließe es sich auch. Dabei ließen sich gleich mehrere Handlungsorte vorschlagen: Berlin, London und Paris, vor allem aber - Brüssel. Die Posten der EU-Kommissare geben Raum für ein großes Ensemble und Ränkespiele ohne Ende.

          Da stellen wir uns Politiker und Beamte vor, die über eine halbe Milliarde Menschen herrschen, nicht gewählt sind, aber in den Alltag eines jeden einzelnen hineinregieren und von massenhaft Lobbyisten umlagert werden, die ihnen Gesetze ausreden und Subventionen oder Steuererleichterungen einflüstern. Die eine oder andere Orgie dürfte es auch geben, Gefälligkeiten jeder Art, Gschaftlhuberei satt. Und hochaktuell an die digitale Umwälzung der Welt anschließen könnte man den Plot auch, man müsste nur die Hundertschaften der Kofferträger von Google, Amazon, Apple oder Facebook einbauen.

          Berlin liefert doch Stoff genug

          Nach einem Drehbuchautor mit dem nötigen EU-Esprit könnte man sich in Großbritannien umsehen. Ein Julian Fellowes („Downton Abbey“) der Gegenwart wird sich schon finden. Vielleicht ein Schweizer, Roger Köppel als Berater? Es müsste nicht unbedingt Nico Hofmann produzieren. Für das Casting aber wäre Katharina Thalbach als Angela Merkel gesetzt. Der Film „Der Minister“ war allein schon wegen der Szene sehenswert, in der sie die Kanzlerin am Kochtopf darstellt, auf die Idee verfällt, diesen seltsamen adligen CSU-Aufsteiger zum Verteidigungsminister zu machen, und einen Satz von Bismarck variiert: „Je weniger die Leute davon wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie.“ Bei der von Katharina Thalbach gespielten Kanzlerin geht es allerdings um den Krieg und um die Wurst.

          Material also gäbe es reichlich, schon die in Berlin regierende große Koalition ist für einen Polit-Thriller im Fernsehen wie gemacht. Und beim ZDF zum Beispiel gibt es mit Norbert Himmler einen ambitionierten Programmgestalter, der genau weiß, dass es unserem Fernsehen an Gegenwartsbezug mangelt. Bei der ARD würden sie wahrscheinlich zu lange brauchen, bis sie sich auf ein Konzept geeinigt hätten. Wobei allein schon der WDR-Intendant Tom Buhrow als gelernter Journalist, Korrespondent und Nachrichtenmacher seine Expertise einbringen könnte.

          Er sei jemand, sagt Kevin Spacey als Frank Underwood zu Beginn von „House of Cards“, der handele, der das Unangenehme, aber Notwendige in Angriff nehme. So drastisch wie Underwood muss man es nicht sagen: „Mein Job ist, die Rohre durchzublasen, damit die Scheiße abfließt.“ Aber den Job, um den es hier geht, muss im deutschen Fernsehen endlich jemand übernehmen. Es ist Zeit, mit der Denkfaulheit und Quotenorientierung zu brechen, die stets auf den kleinsten gemeinsamen inhaltlichen Nenner setzt. Auf Netflix, HBO, Sky oder Ausstrahlung bei Sat.1 oder das dänische Fernsehen mit der Serie „Borgen“ warten gilt nicht.

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