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Houllebecq und Kästner : Eingebürgert

  • -Aktualisiert am

Hat auch gerne geraucht: der deutsche Schriftsteller Erich Kästner Bild: dpa

Erich Kästner ist vor allem für seine Kinder- und Jugendbücher bekannt geworden. In Frankreich wurde er nie wirklich ernst genommen. Ein Schweizer Rezensent will jetzt in Kästners „Fabian“ einen geistigen Vorläufer von Michel Houllebecq erkannt haben.

          Ein Schweizer Rezensent glaubte ein Buch von Michel Houellebecq zu lesen, der „fünfzig Jahre früher auf die Welt gekommen wäre“. Tatsächlich las er aber einen Roman von Erich Kästner aus dem Jahre 1931. Erich Kästners „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“ war damals in stark gekürzter Form gedruckt worden, wurde ein halbes Jahrhundert später auf Französisch übersetzt und überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Schneller geht es jetzt mit der im deutschen Sprachraum erst kürzlich veröffentlichten unzensierten Fassung, die auch den vom Verfasser gewünschten Titel bekam. „Der Gang vor die Hunde“ ist soeben in Paris erschienen: „Vers l’abîme“ (Editions Anne Carrière).

          Zwar sind alle Romane, die Kästner zum Klassiker des Kinder- und Jugendbuchs gemacht haben, in Französisch lieferbar. Aber ihr Verfasser ist nie wirklich ernst genommen worden. Ein – genauso begeisterter – französischer Rezensent erinnert nun daran, dass Kästner einst berühmt gewesen sei, und versucht, ihn über das Kino zu vermitteln: „Er sagt uns heute überhaupt nichts mehr. Aber für die Filmkenner ist er der Autor von ,Emil und die Detektive‘, die mindestens zehnmal verfilmt wurden, zunächst von Billy Wilder.“

          Raucht immer noch: der französische Schriftsteller Michel Houllebecq

          Von Handke bis Grass ist die erfolgreiche Vermittlung deutscher Literatur nach Frankreich stets eine Frage der intellektuellen Konjunktur. Sie gelingt, wenn das Werk einen Nerv trifft oder, noch besser, eine Lücke füllt. Dann wird die Rezeption zum Phänomen. Als Meisterwerk stuft auch ein dritter Kritiker „Fabian“ ein: „Total obszön“ ist Mathieu Lindons Rezension in „Libération“ überschrieben, und diese Obszönität wird als „sexuelle, politische, moralische“ ausgewiesen. Lindons Besprechung liest sich erst recht, als gehe es um einen Roman von Houellebecq. Humor und Zynismus, Depression und Dekadenz, Fusion der Kampfzonen, Ökonomie und Sexualität nicht nur im Bordell. Wie Houellebecqs „Unterwerfung“ ist Kästners Sittenbild der deutschen Gesellschaft im aufkommenden Nationalsozialismus auch eine Satire. Lindon „läuft es kalt über den Rücken“.

          In Frankreich hat Kästner als Houellebecq der dreißiger Jahre eine große literarische Zukunft vor sich. Im Nachhinein stehen ihr die Vorbehalte und Ängste, die den Umgang mit Houellebecq kennzeichnen, nicht im Weg. Die Tatsache, dass bei allen Affinitäten und Parallelen kein französischer Rezensent Houellebecqs Namen nennt, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die Rezeption von Erich Kästner phänomenale Züge annimmt und Monsieur Fabian gerade in die französische Literatur eingebürgert wird. Auch für diese Form der Rezeption aber darf gelten: total obszön.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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