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Houellebecq im Fernsehen : Der Körper als Angriff

  • -Aktualisiert am

Durch seine dauerhafte Talkshowpräsenz wirkt der körperliche Verfall von Houellebecq umso stärker. Bild: AFP

Selbst Iggy Pop wirkt jung und agil neben ihm: Wie der Dichter Michel Houellebecq durch seine Auftritte im Fernsehen die Zuschauer und die ganze Welt verstört.

          Unter den Milliarden Bildern, die das Fernsehen und andere Bildmedien jeden Tag von den Milliarden Menschenkörpern, die es gibt, produzieren, gibt es gerade ein Körperbild, das nicht in den Rahmen zu passen scheint. Es zeigt den Körper von Michel Houellebecq in Film und Fernsehen.

          Es gab Ende August im Magazin „Le Point“ im französischen Arte ein Interview mit Houellebecq und Guillaume Nicloux, das den vorläufigen Höhepunkt der Eigenständigkeit dieses Houllebecqschen Körperbildes zeigte. Nicloux ist der Regisseur des Filmes, der im deutschen Arte unter dem Titel „Die Entführung des Michel Houellebecq“ am 27. August gezeigt wurde.

          Der deplazierte Körper

          Der Film ist auch der Anlass des Interviews. Anhand von ein paar Ausschnitten aus dem Film, in denen man Houellebecq beim Autofahren sieht, reden der Regisseur und Houellebecq mit dem Chef des Magazins über „Vitesse“. Vitesse steht im Französischen für Geschwindigkeit, Tempo, aber auch die jugendliche Kraft, mit der man die Dinge der Welt und des Lebens angeht. Houellebecqs Haare sind etwas länger und noch strähniger geworden. Seine sowieso schon schmal-bewegungslose Oberlippe ist fast ganz erstarrt, die Backen sind eingefallen, und natürlich raucht er irgendwann auf seine Art, mit der Zigarette in die Mitte der vier Finger geklemmt.

          Geistig ist er unter der müde-zurückhaltend gehaltenen Fassade seines Gesichtsausdrucks wie immer im Fernsehen hellwach. Und doch stimmt hier was nicht, fällt etwas komplett aus dem Rahmen und wirkt nachhaltig deplaziert. Und das ist schlicht der Körper von Houllebecq. Ein Körper, der weder die Geschwindigkeit des Autos mitmacht noch die Aufbruchsstimmung, die der jung wirkende Interviewer mit dem Vier- oder Fünftagebart, dem schicken Jackett und dem offenen weißen Hemd wie jeder Fernsehinterviewer verbreitet.

          Die Moderation fehlt vollends

          Dieser Körper von Houellebecq fällt einfach unter dem spezifischen Gewicht von Wasser und Knochen immer tiefer. Dieser Körper ist schlicht von seiner Last nicht mehr zu unterscheiden. Dieser Körper wird von seinem Zerfall, von seinem Fallgesetz, weder durch strotzende Gesundheit noch durch Sport und ausgekostetes Vergnügen je erlöst werden. Der Körper ist, was der Fall ist. Das ist es, was man hier sieht. Natürlich kann man sagen, dass das das Schicksal jedes Körpers ist, dass er irgendwann zugrunde geht. Aber das stimmt eben nicht, wenn es um die Bilder vom Körper geht. Selbst noch die schrecklichsten Bilder vom Körper werden seit der Moderne immer im Modus des Aufbruchs, des Es-geht-immer-weiter und Wird-vielleicht-auch-mal-besser moderiert.

          Die Zigarette zwischen den nikotingelben Fingern: Michel Houellebecqs typische Raucherpose

          Man konnte es kürzlich an einer der schrecklichsten Bildfolgen der letzten Zeit gut sehen. Die Bilder zeigten einen jungen Mann, der auf einem Marktplatz in Monrovia, der Hauptstadt Liberias, etwas zu Essen gestohlen hatte, während alle Menschen vor ihm zurückwichen. Erklärt wurde einem dazu, dass der Mann mit Ebola infiziert worden und aus seiner Quarantäne ausgebrochen sei, weil er dort nichts zu essen bekommen habe. Irgendwann tauchte dann aber mumifiziertes Gesundheitspersonal auf, fing den Mann ein und verfrachtete ihn auf die Ladefläche eines Autos. Auch im schrecklichsten Schrecken wird in den Bildern immer etwas getan - und sei es nur, dass die Bilder moderiert werden.

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