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Houellebecq im Fernsehen : Auch er ist Charlie

Auch er ist Charlie und trauert um den verlorenen Freund. Bild: AFP

Zweimal verschoben – jetzt hat „Canal+“ das Interview mit Michel Houellebecq doch noch gesendet. Der Schriftsteller antwortet Premierminister Manuel Valls. Und sagt: „Ja, auch ich bin Charlie.“

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          Am Tag des Attentats auf  „Charlie Hebdo“ kam Michel Houellebecqs mit Spannung erwarteter Roman „Unterwerfung“ in die Buchhandlung. Es geht darin um den Einzug eines Muslims ins Elysée und die Islamisierung des Landes. Houellebecq ist auf dem Cover der Zeitschrift – in der Rolle des Wahrsagers zum neuen Jahr: „2015 verliere ich meine Zähne, 2022 mache ich Ramadan.“

          Jürg Altwegg
          (J.A.), Freier Autor

          Das Heft enthält eine hymnische Besprechung, die sein Freund Bernard Maris verfasste. Es war dessen letzter Text. Maris hatte bereits ein Buch über Houellebecq geschrieben. Er gehört zu den Opfern des Attentats. Wie sehr sein Tod den Schriftsteller getroffen hat, zeigt das Interview mit „Canal+“. Es wurde am Tag danach aufgezeichnet, fiel zunächst wegen einer Sondersendung aus und wurde auch am Freitagabend nochmals verschoben. Zu Beginn der Woche – nach der größten Demo der französischen Geschichte in Paris - wurde es nun ausgestrahlt. „Es ist das erste mal, dass jemand, den ich kenne, ermordet wird“, erzählt Houellebecq. Seine eigene Ermordung hat er im Roman „Karte und Gebiet“ beschrieben.

          „Mein Roman ist keineswegs islamfeindlich“, kommentiert Houellebecq. Ein paar Kritiker hatten ihm das vorgeworfen. Und unterstellt, dass er dem Front National zuarbeite. Dieser Vorwurf lässt ihn kalt: „Der Mensch, der mich vereinnahmen kann, ist noch nicht von dieser Welt.“

          Houellebecq trauert

          Auch dem französischen Premierminister Manuel Valls antwortet er. Valls hatte in einer Stellungnahme nach dem Attentat gesagt, „Frankreich ist nicht Houellebecq“ – und explizit auf die Fremdenfeindlichkeit, den Rassismus und die Islamophobie verwiesen, mit denen er den Schriftsteller offenbar gleichsetzt. „Wenn er den Roman denn gelesen hat“, spottet Houellebecq, der auf die Literaturkritik eines Ministers rein gar nichts gibt: jedem sein Beruf. „Nur die Einschätzung meiner Kollegen und der kompetenter Kritiker ist mir wichtig.“

          Kurz nach der Aufnahme – gedreht wurde nicht im Studio, sondern im Büro von Antoine de Caunes – ist er untergetaucht. Nicht aus Angst oder Protest. Aus Trauer um seinen Freund, dessen Bedeutung er im Interview mehrmals unterstreicht. Manchmal ist er den Tränen nahe. Bernard Maris arbeitete an einem neuen Buch, sogar die amerikanische Bundesbank FED hat ihn inzwischen gewürdigt.

          Und das Cover der Satirezeitschrift habe ihm ganz gut gefallen. Auf die entsprechende Frage Antoine de Caunes‘ antwortet er ohne Ironie: „Ja, auch ich bin Charlie.“

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