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Homoehen in Amerika : Moral statt Politik

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Barack Obama hat die Frage nach gleichgeschlechtlichen Ehen deutlich beantwortet. Dieser Ausweg aus seinem Dilemma wird ihn zwar Wahlstimmen kosten. Dafür hat der Präsident den Wert seines Amtes neu entdeckt.

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          In den sechziger Jahren war es die Bürgerrechtsbewegung, die das Land spaltete. Lyndon B. Johnson hieß der Präsident, dem sogar Parteigenossen rieten, Zurückhaltung zu üben und es, zum Wohle der Partei, mit der Gleichheit der Schwarzen doch nicht ganz so genau zu nehmen. Wie Robert A. Caro im vierten, soeben erschienenen Band seiner Monumentalbiographie Johnsons berichtet, soll dieser daraufhin gefragt haben: „Nun, wozu zum Teufel soll die Präsidentschaft denn gut sein?“ Acht Präsidentschaften später war es an Barack Obama, die Frage zu stellen und zu beantworten. Nachdem er bereits 1996 die gleichgeschlechtliche Ehe befürwortet hatte, zeugte der Rückzieher, den er als Präsidentschaftskandidat machte und als Präsident nur langsam abschwächte, nicht eben von Charakterstärke. Staatlich abgesegnete Partnerschaften von Schwulen sollten okay sein, Ehen lieber noch nicht, aber vielleicht künftig einmal.

          Der Kritik suchte er zu entgehen, indem er sich auf einen persönlichen Evolutionsprozess berief, an dessen Richtung er freilich keinen Zweifel ließ. Es half nichts. Zumal in letzter Zeit, da zwei seiner Minister und noch dazu sein Vizepräsident sich für die Homoehe aussprachen, mussten seine Posen auf dem politischen Hochseil immer lächerlicher erscheinen. Der Evolutionsartist - nichts anderes als ein um seine Wiederwahl besorgter Politiker? Das wird ihm jetzt niemand mehr vorwerfen können. Mit seiner Befürwortung der gleichgeschlechtlichen Ehe bringt Obama die Autorität des Präsidenten ins Spiel. Aufs Spiel setzt er damit seine Präsidentschaft. Wie einst Johnson. Der verlor damit die Südstaaten.

          Die kann Obama nicht mehr verlieren, weil er sie nie hatte. Aber bei einem knappen Wahlausgang könnten ihm im November die Stimmen fehlen, die er mit dieser Entscheidung eingebüßt hat. Die Wahl, vor der er selbst stand, war in Wirklichkeit ein Dilemma. Hätte er sich weiter aufs Evolvieren verlegt, wäre er zur Witzfigur geworden. Mit seinem Entschluss aber, ein Fernsehinterview anzuordnen und darin ein für allemal Klarheit zu schaffen, hat er sich gegenüber einem Gegner verwundbar gemacht, der ebenso klar die Homoehe ablehnt. Es ist nicht auszuschließen, dass der Triumph aller, die für „marriage equality“ kämpfen, sich in eine Niederlage am Wahltag verkehrt. Obama hat das wohl gewusst. Dennoch hat er aufgehört zu taktieren. Er hat Politik durch Moral ersetzt. Er hat sich geweigert, mit Bürgerrechten Schindluder zu treiben und sie wie Jetons im Washingtoner Casino einzusetzen. Er hat endlich gezeigt, wozu die Präsidentschaft gut sein kann, zumindest, solange sie dauert.

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