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Homers Geheimnis : Wir sind Kinder des Orients

  • -Aktualisiert am

Homer-Statue vor der Universität Freiburg Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Raoul Schrott hat Homer, den Schöpfer der abendländischen Kultur, als einen Schreiber in assyrischen Diensten identifiziert. Diese Ilias könnte ideologische Fundamente stürzen.

          Schon einmal hat ein fanatisch Wortgläubiger unsere Vorstellung von der Herkunft des Abendlands erschüttert: Heinrich Schliemann, trotz archäologischer Studien von der Zunft als Laie angesehen, entdeckte Troia, weil er Homers „Ilias“ wörtlich nahm. Generationen von Wissenschaftlern hatten die Stadt in das Reich der Legende verwiesen; die wenigen, die an einen historischen Kern glaubten, lokalisierten sie andernorts.

          Der Laie behielt recht und stürzte ein festgefügtes Gebäude überkommener Lehren. Nun hat der Dichter Raoul Schrott den Dichter Homer, den Schöpfer des griechischen Ur-Epos und damit der abendländischen Kultur, als einen Schreiber in assyrischen Diensten identifiziert. Mehr noch: Schrott entdeckte mit seinem Gespür für Wortsinn und Sprachbilder in der Ilias Motive, Personen und Episoden des altorientalischen Gilgamesch-Epos und des Alten Testaments. Schrott, habilitierter Komparatist, aber nach landläufigen Begriffen Laie in Alter Geschichte, Archäologie und Orientalistik, erklärt das Abendland indirekt zu Kindern des Orients (Siehe auch: Ilias: Homers Geheimnis ist gelüftet).

          Zugespitzt formuliert: Homer hat abgeschrieben

          Wir haben in den jüngstvergangenen Jahrzehnten schon einiges verdaut: Die vordergründig friedvolle minoische Kultur auf Kreta, die mit ihren unbefestigten prächtigen Städten und Palästen als ideale „Wiege Europas“ erschien, hat sich durch neuere Forschung als durchaus militaristisch erwiesen, die im Extremfall sogar Kannibalismus zelebrierte. Nicht ganz so erschreckend, aber einschneidend genug war vor einiger Zeit die Erkenntnis, dass die Skulpturen der griechischen Klassik, Inbegriff europäischer Kunst, weder schneeweiß noch dezent farbig, sondern kräftig bunt waren.

          Unsere Götter und Helden, gehüllt in Stoffe mit wilden Mustern in schreienden Farben - schon damals sprang der orientalische Einfluss ins Auge. Vieles, was zuvor als orientalische Arabeske abgetan worden war - die Ornamentik der Antike, ihre Chimären und Greifen, Dämonen und Monstren -, rückte damit näher ans Zentrum unserer kulturellen Identität. Und nun dies: Homer hat, zugespitzt formuliert, abgeschrieben: Das Epos, das wir als fernen Spiegel der eigenen Befindlichkeit und Besonderheit verehrt haben, ist durchwirkt von jener Kultur, die wir als das Andere, das Fremde zu sehen gewohnt sind. Wir hätten es wissen können. Wie schreibt Thomas Mann im rätselhaft als „Höllenfahrt“ betitelten Vorspiel seiner Josephs-Tetralogie? „Hinab denn und nicht gezagt! (Dort) sind Menschen wie wir - einige träumerische Ungenauigkeiten ihres Denkens als leicht verzeihlich in Abzug gebracht.“

          Das Heilige Land - mehr denn je ein Pulverfass

          Thomas Manns grandioser Versuch, den „Mythos ins Humane umzufunktionieren“, ist auch eine glänzende Studie über die Weise, in der Orient und Okzident träumerisch, aber doch eng miteinander verwoben sind. In diesem Sinne hat nun Raoul Schrott unseren Homer „humanisiert“: Aus dem urgriechischen Genie ist ein genialer, man scheut sich, das überstrapazierte Wort zu schreiben: multikultureller Dichter (und Propagandist) geworden, der das Beste der ihn umgebenden orientalischen Kulturen aufnahm, um es mit den eigenen frühgriechischen Legenden zu einem identitätsstiftenden neuen Mythos zu verschmelzen.

          Die Ilias - eine Synthese altorientalischer und frühgriechischer Welt- und Wertvorstellungen, der assyrische Dichtkunst das künstlerische Fundament stellte? Das ist weder ein Grund für fundamentale abendländische Selbstzweifel noch für euphorische Verbrüderungsideen. Wir leben heute in einer Welt, in der das einstige Zweistromland vorwiegend als Treibhaus für Diktaturen und Terrorismus angesehen wird und oft genug eines ist. Das Heilige Land ist mehr denn je ein Pulverfass, und Europa sieht verwirrt zu, wie seine Länder einerseits eilig in die Union streben und andererseits sich eiligst in Miniaturstaaten zergliedern.

          Lessings Traum ist in fernste Ferne entrückt

          Was vermögen Kunst und Kultur angesichts einer derart hoffnungslosen Lage? Islamistische Fanatiker sprengen an der legendären Seidenstraße dreitausendjährige Zeugnisse griechisch-orientalischer, also gemeinsamer Kultur; die Ketten amerikanischer Panzer zermalmen im Irak babylonisches, also gemeinsames Kulturgut ebenso rücksichtslos, wie es einheimische Raubgräber entwenden und als Luxusgut für einige wenige Reiche in alle Welt zerstreuen. Und in deutschen Städten greift angesichts der Baupläne monumentaler Moscheen besorgte Unruhe um sich. Lessings in „Nathan der Weise“ niedergeschriebener Traum vom friedlichen Wetteifern der drei großen Religionen und Kulturen ist in fernste Ferne entrückt.

          Hier der Koran, da die Bibel, dazwischen eine Kluft, so weit wie die zwischen verschiedenen Planeten - das war der Kenntnisstand. Nun aber taucht die „Ilias“ als möglicherweise gemeinsames Werk der vordergründig so unterschiedlichen Kulturen auf. Mit Raoul Schrotts Homer - sollte dieser derjenige sein, als den ihn der Österreicher identifiziert hat (und es spricht vieles dafür) - sind Fakten gemeinsamer Wurzeln gegeben. Drängen sie aus der Sphäre der Wissenschaft in die der Politik und ins allgemeine Bewusstsein des Abend- und des Morgenlands vor, könnten sie gegenseitigen Respekt fördern. Könnten? Sie müssen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Laie die Welt und unser Denken in neue Bahnen lenkt.

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