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Holocaust-Mahnmal : Peter Eisenman im Stelengang

Holocaust-Mahnmahl: die ersten Stehlen stehen Bild: dpa/dpaweb

Seit der Bau des Holocaust-Mahnmals beschlossene Sache ist, wurde viel spekuliert, wie das Stelenfeld von Peter Eisenman wohl wirken werde. Jetzt überwacht der Architekt persönlich den Baubeginn.

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          Das Ding steht gerade und fremd im Sand der Baustelle, ein seltsamer Fremdkörper mitten im Zentrum der Stadt. Man weiß nicht genau, ob es aus Beton ist, so glatt ist die Oberfläche, so scharf sind die Kanten. Das Ding sieht aus wie die rätselhafte Stele in Kubricks Film "2001 - Odyssee im Weltraum", ein fremdes Objekt, dessen Sinn rätselhaft ist; keine Aufschrift, keine Botschaft. "2 Meter 38 breit, 98 Zentimeter tief", sagt ein Bauarbeiter, als sei diese genaue Information beruhigend. 2700 Stelen dieser Art werden in nächster Zeit hier aufgestellt, mitten im Herzen der neuen Mitte.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Seit der Bundestag 1999 den Bau eines "Denkmals für die ermordeten Juden Europas" beschloß, wurde viel spekuliert, wie das von Peter Eisenman entworfene Stelenfeld wirken werde. Einen Eindruck bekommt man an diesem Wochenende, an dem der Architekt persönlich die Aufstellung der ersten Stelen überwacht. Peter Eisenman steht etwas entfernt auf einem der Sandhügel, den die Bagger auf der Baustelle am Großen Tiergarten zwischen Ebert-, Wilhelm- und Berenstraße aufgeschüttet haben, und so, wie er dort oben steht, in heller Hose und einem dunkelblauen Sakko mit Goldknöpfen, sieht er wie der sympathische Kapitän eines Raumschiffes aus. Sechzig Stelen sollen pro Woche aufgestellt werden, bis Oktober 2004 werden die Arbeiten dauern.

          "Place of no meaning", hat Eisenman den Ort einmal genannt und damit gleich allen Kritikern den Wind aus den Segeln genommen, die befürchtet hatten, hier solle der Holocaust in einem monumentalen symbolischen Grabfeld verbildlicht werden. Die ersten Stelen zeigen, daß diese Sorge unbegründet war. Wer zwischen sie tritt, fühlt sich nicht wie auf einem Friedhof. Seltsam fern wirkt plötzlich die Stadt. Man ist allein in einem eigenartigen, nie gesehenen Labyrinth, zwischen dessen Stelen gerade einen Meter breite Pfade hindurchführen. 2 Meter 38 breit, 98 Zentimeter tief: Seit Daniel Libeskind die Höhe seines World-Trade-Center-Projekts auf 1776 Fuß - als Hommage an das Jahr der Unabhängigskeitserklärung - festlegte, wird man bei solchen krummen Zahlen mißtrauisch. Steckt eine Bedeutung auch in diesen Maßen? "Nein", sagt Eisenman, "ich interessiere mich zwar für Kabbalistik, aber auch die Zahlen sind ohne Bedeutung." Auch Fragen nach Einflüssen seiner jüdischen Herkunft begegnet Eisenman mit dem Hinweis; er sei mit einem Tannenbaum aufgewachsen, sein zwölfjähriger Sohn besitze Osterhasen, und man müsse nicht Katholik sein, um eine Kirche zu bauen.

          Es geht um die Stille des Ortes, die dadurch entstehe, daß nichts hier eine sichere Bedeutung habe. Das Stelenfeld ist ein weißer Fleck an einem Ort, der wie ein gebautes Geschichtsbuch aussieht. Er habe eines bei seinem Psychotherapeuten gelernt: "Du betrittst den Raum, und der Therapeut schweigt. Du mußt reden: The silence makes you speak." Dann soll das Stelenfeld sozusagen der Psychotherapeut der Deutschen sein? "Man kann den Effekt jedenfalls therapeutisch nennen. Sogar wenn hier Sprayer kommen, ist das gut", sagt Eisenman. Er möchte seinen Stelenpark als Ort der Sichtbarmachung von Fragen verstanden wissen, mit einer bewußt stummen Architektur Fragen provozieren, was leider in der deutschen Architektur kaum mehr gemacht werde.

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