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Holocaust-Forschung : Wehler in der Sackgasse

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Götz Aly Bild: dpa

An der Gesellschaftsgeschichte gescheitert, in die Führerbeschwörung ausgewichen: Eine Antwort auf Hans-Ulrich Wehlers Polemik gegen mein Buch „Warum die Deutschen? Warum die Juden?"

          5 Min.

          Für eines ist der emeritierte Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler bekannt: Er versteht sich als Präfekt der Glaubenskongregation für ordnungsgemäße Geschichtsschreibung. Mal schlägt er mich wegen „Vulgärmarxismus“ in Acht und Bann, mal, weil ich seinen Lehrer Theodor Schieder 1997 als eifrigen Nazi geoutet hatte, wo Schieder in den Augen seines Schülers allenfalls einem „zeitüblichen Honoratioren-Antisemitismus“ aufgesessen sei. Jetzt, nach meinem im August erschienenen Buch „Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800 - 1933“, fragte ich mich schon länger: Wo bleibt Wehler? Endlich, am 13. Dezember, setzte er in dieser Zeitung auch dieses Werk auf den Index. Wehler trieb geringen argumentativen Aufwand und urteilte klar - ein „Flop“. Am Ende verpasste er den Verfassern freundlich gestimmter Rezensionen eine erzieherische Kopfnuss: Auf Aly „hereingefallen“!

          Davon ganz unbeeindruckt, schickte mir der israelische Altmeister der Antisemitismusforschung, Yehuda Bauer, dieser Tage seinen Kommentar zu Wehlers neuestem Verdikt: „Die Amerikaner sagen dazu, as long as they spell my name right, I don’t care what they write.“ Zu meinem Buch meinte Bauer: „Ich habe es nicht gelesen, sondern verschlungen. Ich war wirklich überzeugt, ich verstünde etwas vom deutschen Antisemitismus, und habe von Ihnen gelernt, dass ich ziemlich wenig weiß.“ Wir sind nicht immer einer Meinung, doch verbindet uns die Überzeugung, man könne denselben geschichtlichen Vorgang mit gleichem Recht aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten.

          Der Holocaust nimmt keinen Sinn an

          Ein solcher Gedanke wird Wehler für immer fremd bleiben. Er ist fleischgewordener Antiliberalismus. Vor einigen Monaten hielt ihm Bernhard Schlink im „Merkur“ vor, er erzähle Geschichte „nicht aus der moralischen Sicht von gestern“, sondern beurteile sie „von der Höhe heutiger Moral“. Schlink wählte die Überschrift „Die Kultur des Denunziatorischen“. Ähnlich wie einst Heinrich von Treitschke formuliert Wehler sein tagespolitisches Credo. Es lautet: Geschichtswissenschaft hat dezidiert „nach demjenigen Sinn zu fragen, den historische Aktionen unter theoretischen Gesichtspunkten von heute annehmen“, und sie hat „bewusst“ der „Schärfung eines freieren, kritischen Gemeinschaftsbewusstseins“ zu dienen.

          Aus der ahistorischen Zielsetzung resultiert das zentrale Problem. Weil der Mord an den europäischen Juden „unter theoretischen Gesichtspunkten von heute“ mit Gewissheit keinen „Sinn annimmt“ und jede Sinnhaftigkeit der deutschen Nationalgeschichte nachhaltig stört, kann er von Wehler historisch nicht integriert werden. Seit 1995, seit der Veröffentlichung des vierten Bandes seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“, ist weithin bekannt, dass er das „Dritte Reich“ als Werk dämonischer, außergeschichtlicher Kräfte betrachtet. Auch in dem hier debattierten Text bemüht er den „ausschlaggebenden Einfluss“ des „charismatischen“ Adolf Hitler sowie der „Spitzen und großen Kader der NS-Bewegung“, ihres ganz persönlichen „giftigen Ideengebräus“.

          Sie standen nicht unter dem doppelten Zwang

          Wehler spricht von „großen Kadern“ und meint einfach das: Weder mein Vorbild Schieder noch meine Verwandten, noch das deutsche Volk haben die Grundlagen mitgeschaffen, die Auschwitz ermöglichten! Wer diese Einbildung pflegt, der braucht sich um die Entstehung des modernen deutschen Antisemitismus nicht zu kümmern, der will es bei Pseudoerklärungen belassen und erträgt es nicht, wenn jemand wie ich feststellt: Doch, der lange Weg zum Judenmord verlief zu keinem Zeitpunkt zwingend, aber er ist integraler Bestandteil der deutschen Gesellschaftsgeschichte. Wehler ist an der historiographischen Herausforderung Nationalsozialismus gescheitert und deshalb auf die Führerbeschwörung ausgewichen.

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