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Holocaust-Forschung : Götz Alys neuer Irrweg

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Die deutsche Gesellschaft durchzogen lebhafte Aufstiegsprozesse, da sich die Berufswelt zunehmend ausdifferenzierte. Wer daher von schmalen Mobilitätskanälen und verlangsamten Aufwärtsbewegungen deutscher Schüler und Studenten spricht und diese Verzögerung zur Grundlage eines angeblich generellen Sozialneids macht, den die schnell aufsteigenden Juden auslösten, hat aus der internationalen Mobilitätsforschung zu der hochgradig in Bewegung versetzten deutschen Gesellschaft keine empirischen Kenntnisse abgerufen.

Rassenantisemitismus anstelle von Sozialneid

Wegen der Dramatisierung des Sozialneids deutscher Jungakademiker kommen wichtigere Elemente der deutschen Judenfeindschaft überhaupt nicht zur Geltung. Seit anderthalb Jahrtausenden hatte sich zum Beispiel der vehemente christliche Antijudaismus gegen das „Volk der Gottesmörder“ in die westlichen Gesellschaften hineingefressen. Olaf Blaschkes glänzende Studie über den katholischen Antisemitismus hat das unlängst in aller Klarheit noch einmal herausgearbeitet. Dieser traditionelle Antijudaismus war in der Kollektivmentalität ungleich tiefer verankert als der ominöse Sozialneid.

Wie jeder westliche Nationalismus kultivierte auch der deutsche die Vorstellung vom „auserwählten Volk“. Diese Idee stammte zwar aus der alttestamentarischen Gedankenwelt, doch das Exklusionsdenken der deutschen Nationalgemeinde schloss, auf das Ideal der homogenen Nation fixiert, gerade die jüdischen Fremden nur zu oft aus. Und der seit den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts aufkommende Rassenantisemitismus, der später die Spitzen und große Kader der NS-Bewegung beherrschte, zehrte ohnehin von einem giftigen Ideengebräu, das mit anderen Denkfiguren und Emotionen arbeitete, als sie dem Sozialneid zugeschrieben werden können. Ein absolutes Novum war dann die Tatsache, dass der NS-Rassenantisemitismus seit 1933 zum ersten Mal zur Praxis eines modernen Staates gemacht wurde.

Entscheidende Faktoren fehlen

Antijudaismus, Nationalismus und Rassismus sind seit dem späten neunzehnten Jahrhundert eine unheilvolle Fusion eingegangen. Dennoch sank vor dem Ersten Weltkrieg die Anzahl der Wählerstimmen der antisemitischen Parteien genauso wie die der Mitglieder der antisemitischen Verbände drastisch ab - Sozialneid hin oder her. 1914 stellten Wissenschaftler jüdischer Herkunft, wie ein berühmter Aufsatz des deutsch-amerikanischen Historikers Fritz Ringer dargetan hat, ein Fünftel der deutschen Hochschullehrer - ein Beweis für aktiven Sozialneid unter den angeblich besonders empfindsamen Akademikern?

Der Historiker Hans-Ulrich Wehler kritisiert nicht zum ersten Mal die Darstellungen Götz Alys
Der Historiker Hans-Ulrich Wehler kritisiert nicht zum ersten Mal die Darstellungen Götz Alys : Bild: dpa

Seit dem Ersten Weltkrieg folgte jedoch eine Verkettung von Zäsuren, ohne die das Verbrechen der Folgezeit nicht vorstellbar wäre. Die perfide „Judenzählung“ des Militärs aktivierte seit 1916 die antijüdische Diskriminierung. Die Kriegsniederlage und der Versailler Frieden wurden ebenso den Juden vorgeworfen wie die Hyperinflation und die Weltwirtschaftskrise seit 1929. Und während der fatalen Erosion des politischen Systems zwischen 1930 und 1933 konnte die Neue Rechte mit Hitler, am richtigen Ort und zur richtigen Zeit, einen radikalen Antisemiten als Führungsfigur präsentieren, die eine charismatische Herrschaft erst über die NS-Bewegung, dann über das „Dritte Reich“ zu errichten imstande war.

Ohne die von Hitler inspirierte und durchgesetzte Vernichtungspolitik, das haben Ian Kershaw und andere Hitler-Kenner nachdrücklich betont, hätte es keinen Holocaust gegeben. Von dem ausschlaggebenden Einfluss von Hitlers Weltbild ist bei Aly aber genauso wenig die Rede wie von den anderen Beschleunigungsfaktoren seit 1914. Insofern ist seine Stilisierung des Sozialneids zur Schlüsselerklärung für den Aufstieg des deutschen Antisemitismus ein klassischer „Flop“, der zentrale Elemente nicht einmal ins Auge fasst, geschweige denn ihrer Komplexität gerecht wird. Man fragt sich, wie überaus wohlwollende Rezensenten (wie etwa Gustav Seibt in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 12. August) auf solch ein flüchtig fabriziertes Buch hereinfallen konnten.

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