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Hollywood : Der Glücksrabe: Nachruf auf Jack Lemmon

Jack Lemmon (1925-2001) Bild:

Jack Lemmon hätte den Oscar zehn Mal verdient. Zwei Mal bekam er ihn. Jetzt ist er im Alter von 76 Jahren gestorben.

          3 Min.

          Eine kalifornische Kleinstadt an einem sonnigen Sonntagnachmittag. Zwei Männer mittleren Alters haben sich in nebeneinander liegenden Zimmern eines Zwei-Sterne-Hotels einquartiert.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der eine, Trabucco, ist ein Killer; aus seinem Zimmerfenster visiert er die gegenüberliegende Straßenseite an, wo sein Opfer, ein Kronzeuge vor Gericht, vorbeigehen wird. Der andere, Victor Clooney, will sich umbringen. Doch sein Versuch, sich mit der Vorhangschnur am Wasserrohr zu erhängen, scheitert.

          Mit dem Lärm, der dabei entsteht, macht er Trabucco auf sich aufmerksam, dessen Tätigkeit kein Aufsehen verträgt. Zornbebend droht der Mörder dem Selbstmörder, er werde ihn, falls jener keine Ruhe gebe, mit eigener Hand erwürgen, worauf Clooney mit dem Gesicht eines Heiligen antwortet: „Das wäre eine Lösung.“

          Lemmon, Matthau, Wilder - ein einzigartiges Gespann

          Als Jack Lemmon und Walter Matthau vor zwanzig Jahren in Billy Wilders Film „Buddy, Buddy“ den lebensmüden Clooney und den mörderischen Trabucco spielten, ging eine professionelle Symbiose zu Ende, wie sie in der Filmgeschichte einzigartig ist. Dass ein Regisseur einen Lieblingsschauspieler findet, so wie Fellini Mastroianni fand, oder dass zwei Schauspieler einander ergänzen wie Laurel und Hardy oder Keitel und De Niro, ist für sich genommen nicht ungewöhnlich, aber ein Gespann wie Wilder, Lemmon und Matthau kommt im Kino sonst nicht vor.

          Deshalb kann es, wenn einer der drei stirbt, nicht ausbleiben, dass auch an die beiden anderen erinnert wird. Vor fast genau einem Jahr ist Walter Matthau einem Herzinfarkt erlegen, und nun ist auch Jack Lemmon gestorben, 76 Jahre alt. Nur Billy Wilder, der kinematografische Kopf, ist noch übrig von dem Trio, das „The Fortune Cookie“ („Der Glückspilz“, 1966) und „Front Page“ („Extrablatt“, 1974) gedreht hat, drei Meister der Filmkomödie, denen schon lange niemand mehr das Wasser reichen kann.

          Dass Lemmon und Matthau in den neunziger Jahren als „Grumpy Old Men“ („Ein verrücktes Paar“, 1993) und später als „Grumpier Old Men“ (1996) klamaukhaft wiedererweckt wurden, ist eine andere Geschichte. So wie auch Lemmons Zusammenarbeit mit Billy Wilder eine andere, längere Geschichte hat, die mit „Manche mögen`s heiß“ (1959), „Das Apartment“ (1960) und „Irma La Douce“ (1963) ihren frühen Höhepunkt erreichte.

          Glückspilz und Pechvogel zugleich

          Und so wie es Wilder in „Das Apartment“, seinem vielleicht besten Film nach „Sunset Boulevard“, gelungen ist, Kafka und Molière zusammenzubringen, so gelang es auch seinem Hauptdarsteller Lemmon, als C.C. Baxter den im Netz der Firmenhierarchie zappelnden kleinen Angestellten und den großen Liebenden, den Glückspilz und den Pechvogel zugleich zu spielen.

          Lemmons Gesicht vor der Kamera war, um ein gänzlich fernliegendes Bonmot der deutschen Literatur zu zitieren, die Zweideutigkeit als System: gütig und hinterlistig, weich und hartnäckig, wehleidig und unerschütterlich gutgelaunt in einem, spiegelte es die in sich ruhende Beharrlichkeit eines Träumers, der sich in seinem Tagtraum von nichts und niemandem irre machen lässt.

          Lemmons Figuren glauben längst nicht immer an das Gute im Menschen, aber wenn sie es tun, dann mit einer Beseeltheit, die dem Film, der ihre Geschichte erzählt, am Ende keine andere Wendung als die ins Positive mehr gestattet.

          Der zynische Zeitungsreporter Hildy Johnson, den Lemmon in „Extrablatt“ spielte, scheint auf den ersten Blick eine Ausnahme von dieser Regel zu sein; aber auch er hängt so sehr am Sinn seiner Arbeit, dass er ihr - wie wir freilich erst im Nachspann erfahren - sogar sein privates Glück opfert. „Heiraten Sie einen Kellner, einen Sargträger, aber niemals einen Reporter.“

          Den Oscar hätte er zehnmal verdient

          Für Lemmon galt allemal, dass er mit seinem Beruf verheiratet war; noch in seinen letzten Filmen spielte er mit einem Furor, als wollte er sich den Schauspieler-Oscar, den er zweimal gewann und zehnmal verdient hätte, ein weiteres Mal ertrotzen.

          Einer dieser Film war „Glengarry Glen Ross“ (1992), James Foleys Adaptation eines Bühnenstücks von David Mamet, das von den Nöten eines in die Rezession gerutschten Immobilienmaklerbüros berichtet. Alle Mitarbeiter bis auf jene zwei, die am erfolgreichsten wertlose Grundstücke unters Volk bringen, sollen entlassen wird.

          Die Zeit läuft, und Lemmon als Makler Shelley stürzt ans Telefon, um seine verbliebenen Kunden anzurufen. Nach jedem Gespräch sackt er in sich zusammen, aschfahl, um beim nächsten Anruf vor dem Hörer wiederaufzuerstehen. Dieses mechanische Auf und Ab von Siegergrimasse und Katzenjammer gehört zu den größten Leistungen in Lemmons Karriere, weil es die Seelenmechanik des Geschäftslebens entblößt, ohne den Menschen, der sich ihr unterwirft, bloßzustellen.

          Ein Privilegierter mit Sinn für Verlierer

          Jack Lemmon, als John Uhler Lemmon III. in einem kleinen Ort in Massachusetts geboren, hat nie um seinen Platz in der Gesellschaft kämpfen müssen. Sein Vater besaß eine Fabrik; er schickte seinen einzigen Sohn auf die besten Schulen der amerikanischen Ostküste. Dennoch hat Lemmon zeitlebens nie die überlegenen, mit dem Goldlöffel im Mund geborenen Charaktere gespielt. Seine Sympathie galt den Verlierern, als hätte die kurze Zeit, in der er sich im New York der späten vierziger Jahre als Barpianist und Radiosprecher durchschlagen musste, seinen Sinn für die Schattenseiten des Daseins geschärft.

          Mit seinem Tod tritt ein Schauspieler ab, der uns dadurch rühren konnte, dass seine Figuren über ihr Unglück nicht traurig waren, ein Glücksrabe unter den vielen allzu flachen Helden und Heldinnen der Kinematografie.

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