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Hochwasser in Tschechien : Wodkaflut

  • -Aktualisiert am

Als am Wochenende Journalisten den tschechischen Finanzminister Miroslav Kalousek daheim anriefen, um nach Steuererleichterungen für Flutopfer zu fragen, war er völlig betrunken. Verständlich.

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          Hochwasser macht an keiner Staatsgrenze halt, das bekommen momentan ganz besonders unsere tschechischen Nachbarn mit. Bei ihnen haben die Fluten elf Menschen in den Tod gerissen und ähnliche Schäden verursacht wie in Deutschland. Immer noch gilt entlang von Elbe und Moldau die höchste Gefahrenstufe, Altstädte wie Kralupy und Theresienstadt mit seinem KZ-Mahnmal wurden evakuiert. Elb-Städte wie Děčin/Tetschen oder Ústí/Aussig, aber auch das herrliche Český Krumlov/Krumau an der Moldau liefen voll. In Prag traf es außer einem Kino die Flussinsel Kampa und andere bebaute Moldauwerder. Im Prager Zoo muss nun, nach vorsorglicher Evakuierung von tausend Tieren, das weggespülte Gorillagehege an einem höheren Ort neu erbaut werden.

          Allein die Schäden an Klär- und Wasserwerken gehen, wie bei der Landwirtschaft, in die Hunderte Millionen Euro. Was kann die Politik da tun? Als am Wochenende die Redakteure der tschechischen Abendnachrichten beim Finanzminister Miroslav Kalousek daheim im südböhmischen Lužnice anriefen, um nach möglichen Steuererleichterungen für Flutopfer zu fragen, ging ein hörbar mitgenommener Mann an den Apparat. Kalousek hatte Mühe, überhaupt irgendetwas von sich zu geben, musste dreimal neu ansetzen, stotterte und schwieg endlos, bis man den Gesprächsversuch viel zu spät abbrach. Der offenbar total betrunkene Minister wurde zum meistgeklickten Objekt des Mitleids im Internet. Schließlich war nicht nur das halbe Tschechien, sondern auch Kalouseks privates Heim von den Fluten beschädigt worden.

          Flut und Schnaps trennt ein Buchstabe

          Drei Nächte habe er nicht mehr geschlafen, dann zwei Kurze gekippt und sei danach komplett, so der Minister, von der Wirkung übermannt worden. In einem trinkfreudigen Land, in dem noch Anfang Mai der neue Präsident Miloš Zeman ausgerechnet bei der feierlichen Schaustellung der Kroninsignien im Prager Veitsdom kaum mehr gerade stehen, sehen und gehen konnte, fand auch Kalouseks Trunkenheit gnädige Resonanz. In seiner traurigen Lage, so sein Parteifreund und Außenminister Karel Schwarzenberg, hätte er sich mehr als zwei Klare hinter die Binde gekippt. Schließlich liegt zwischen „velká voda“, also der momentanen großen Flut, und „velká vodka“, einem zünftigen Schnäpschen, ohnehin nur ein mickriger Buchstabe. Wir lernen: Angesichts von Naturgewalten bleibt auch mächtigen Politikern oft nur eines: sich demselben Schicksal zu ergeben wie das Vaterland: sich volllaufen lassen.

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