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Hochwasser in Deutschland : Flutfragen

Im Süden und Osten des Landes herrscht Katastrophenalarm, Franken wird zu einer Seenplatte. Noch steigt das Wasser. Das Hantieren mit dem Katastrophenvokabular aber scheint an ein Ende zu kommen.

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          Stromausfall, Trinkwasser-Knappheit, Bundeswehr, Evakuierungen, Erdrutsche, Katastrophenalarm: Franken wird zu einer Seenplatte, in Thüringen fahren sie Schlauchboot zwischen den Häusern. Aufgebrachte Anwohner, die einen Damm stabilisieren wollen, um ihre Häuser zu retten, wüten gegen die Polizei, weil die ihnen wegen drohender Todesgefahr den Zugang versperrt. Zu den Bildern kommen die Erklärungsversuche, sprechen Meteorologen von „der kältesten Maidekade seit Beginn der Aufzeichnungen“, und nun schlägt endlich die Stunde jener Klimaforscher, die eine Zwischeneiszeit schon immer für möglich hielten. Trivialmythologen erinnern an Roland Emmerichs Film „The Day After Tomorrow“, der von der großen Überschwemmung der Erde und der Schockfrostung der nördlichen Hemisphäre handelt.

          Die ganz normale Katastrophe

          Was jetzt in Deutschland und seinen Nachbarländern Österreich und Tschechien geschieht, ist die ganz normale Katastrophe, gegen die Mauern und Dämme, Rückhaltebecken und Überschwemmungsgebiete offenbar nur bedingt helfen. Denn diese Geschichte wiederholt sich eben doch: Im Juli und August des Jahres 1501 kommt es zu einem verheerenden Hochwasser, betroffen sind die gleichen Flüsse und Orte wie heute. Und naturgemäß ist auch die Stadt Passau wieder ganz vorne dabei, die es sich - günstig für den Handel, schlecht für trockene Keller - am Zusammenfluss dreier Flüsse unbequem gemacht hat, dort wo „der Innfluß mündend in die Donau niedergeht“, wie es im Nibelunglied heißt.

          Die Bewohner und Bauwerke sind an Überflutung gewöhnt, dennoch notiert der örtliche Chronist: „Unter allen Überschwemmungen zu Passau aber war die vom Jahr 1501 unter Bischof Wiligens Fröschl von Marzoll bei weitem die schrecklichste“. Wochenlang tobten damals Inn, Ilz und Donau.

          1954 kam im Juli ein Jahrhunderthochwassser, im August 2002 schon wieder eines. Am diesem Montag wurde der nächste historische Pegelstand erreicht, der höchste seit Beginn der Überlieferung. Im Gegenzug scheint die Begrifflichkeit, das Hantieren mit Superlativen an ein Ende zu kommen; warum nur glaubt niemand daran, dass nun - was die Statistik insinuiert - für Jahrhunderte Ruhe sein könnte? Diese Ratlosigkeit ist das eigentlich irritierende Moment inmitten eines zivilisatorischen Fortschritts, der es erlaubt, die Katastrophe im Live-Ticker zu verfolgen wie jeden x-beliebigen Sportwettbewerb.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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