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Tod eines Hochstaplers : Großes Tier

  • -Aktualisiert am

Alberto Vilar (1940 bis 2021), hier am 28. Juli 2005 in New York beim Bundesgerichtshof. Bild: Picture Alliance

Er soll 225 Millionen Dollar für kulturelle Einrichtungen gespendet haben und galt als „größter Mäzen“ in der Geschichte der Salzburger Festspiele – bis er als Betrüger enttarnt wurde. Jetzt ist Alberto Vilar mit 80 Jahren gestorben.

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          An bis zu hundertfünfzig Abenden pro Jahr konnte man ihn in der Oper erleben, dazu noch fünfzigmal im Konzert. Die Musikwelt lag ihm zu Füßen. In jedem Programmheft der Salzburger Festspiele fand sich vor zwanzig Jahren sein Porträt, mit dem Vermerk, dass man „dem größten Mäzen in der Geschichte der Festspiele“ danke. Die Metropolitan Opera in New York ließ seinen Namen im Foyer über dem Eingang zum ersten Rang gleich in Stein meißeln: „Alberto Vilar Grand Tier“.

          Ein großes Tier war Alberto Vilar, Sohn eines kubanischen Plantagenbesitzers, am 4. Oktober 1940 in den Vereinigten Staaten geboren, ohne Zweifel. Dem Projekt eines rein privatfinanzierten Festspielhauses in Baden-Baden, das 1998 zu scheitern drohte, noch bevor es begonnen hatte, griff er unter die Arme, indem er für das erste Gastspiel des Dirigenten Valery Gergiev alle Karten aufkaufte und sie verschenkte. Er war, so erinnerte sich der damalige Intendant Andreas Mölich-Zebhauser später, „der großzügigste Mensch, den ich je kennengelernt habe“. Gerard Mortier, von seinen Anhängern dafür gefeiert, dass er die Salzburger Festspiele von einem Luxus-Event der Geld-Eliten während der Karajan-Ära angeblich zu einem statusdünkelfreien Epizen­trum gegenwartsrelevanter Kunst gemacht habe, hofierte Vilar nach Kräften. Eva Corino schrieb unvergesslich maliziös in der Berliner Zeitung, die Damen der Salzburger Gesellschaft müssten beim Dauergrinsen – Vilar war Single! – aufpassen, dass die Nähte vom Lifting hinter den Ohren nicht reißen würden. Insgesamt 225 Millionen Dollar soll der Banker für kulturelle Einrichtungen gespendet haben.

          Doch 2005 wurde Vilar verhaftet, drei Jahre später wegen Geldwäsche, Wertpapier- und Postbetrugs verurteilt; bis 2018 blieb er im Gefängnis. Für die von ihm zugesagte Übernahme der Kosten für den Bau des „Hauses für Mozart“ in Salzburg sprang Donald Kahn ein; die Met in New York ließ Inschrift und Gedenkplakette wieder entfernen: Zwanzig Millionen Dollar war Vilar ihr schuldig geblieben. Heute ist das Festspielhaus Baden-Baden im Besitz der Stadt und bekommt vier Millionen Euro Strukturhilfe vom Land. Die Met kürzt momentan Personal und Gehälter beim Orchester. Alberto Vilar starb in der Nacht zum Sonntag mit achtzig Jahren. Das Heilsversprechen einer überwiegend privat finanzierten Musikkultur dürfte sich als zählebiger erweisen. Denn aus Erfahrungen mit Hochstapelei wird in der Regel nichts gelernt.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

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