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Hochstapler und Autisten : Wir sind alle Felix Krull

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Ein Rollenmodell? Sofia Helin als Kommissarin Saga Noren in der skandinavischen Fernsehserie „Die Brücke“ Bild: action press

In Zeiten sozialer Netzwerke ist uns Hochstapelei zur zweiten Natur geworden. Nur ein neuer Autismus kann uns retten. Unsere Autorin hat Saga Noren aus der Serie „Die Brücke“ vor Augen.

          Die interessantesten Abenteuergeschichten waren bisher immer die, in denen jemand aufgrund von Charme, Schönheit und krimineller Energien mehr erreicht als ihm zusteht. Im Fall von Felix Krull ist das der Aufstieg in eine bessere, gesellschaftliche Schicht. Thomas Mann hat Krulls fiktive Biografie nie vollendet. Es geht um einen jungen Hochstapler und vielleicht auch um Manns Einsicht, dass ein unaufrichtiges Leben mehr Wert gewesen sein könnte als sein eigenes. Felix Krull setzt seine Intelligenz nicht zur Selbstoptimierung ein, er verwendet seine Kraft nicht darauf, der Gesellschaft zu nutzen, sondern lebt von der Gunst naiver, ihm verfallener Mitmenschen.

          Er ist ein Charismatiker, der die Leute gleichzeitig verarscht und begeistert. Aus jeder zwischenmenschlichen Begegnung zieht er durch geschickte Halbwahrheiten einen persönlichen Vorteil; gleichzeitig lieben die Leute ihn für die aus seinem Egoismus resultierende Anpassungsfähigkeit, weil er jederzeit zu dem werden kann, was andere in ihm sehen wollen.

          Egal, ob er gerade vom Verlobten seiner Geliebten erschossen werden oder ins Gefängnis gesteckt werden soll, weder sein Publikum noch er selbst müssen Angst haben, dass ihn sein Verhalten irgendwann zu teuer zu stehen kommen könnte. Man vertraut auf seine Fähigkeiten: Manipulation, Verführung, ungeheure Smartheit. Und man vertraut auf die generelle Milde seines Umfelds, das ihm als Wertschätzung seiner Intelligenz immer eine letzte Chance lässt.

          Der Soziologe Norbert Elias hat Ende der dreißiger Jahre versucht, ein Parameter für den Wandel der Sozialstrukturen Westeuropas zu erstellen. Er ging davon aus, dass man den Unterschied zwischen Barbarei und Zivilisation davon abhängig machen könne, wie viel Zeit zwischen einem strafbaren Vergehen und dem Urteil liegt, das über den Täter verhängt wird. Je länger das dauert, desto fortschrittlicher ist die Bevölkerung, zu der ein Täter gehört – und genau diese Vergesellschaftung ist Felix Krulls Fluchtfenster aus jeder Misere. Für seinen Charme wird er mit Chancen bezahlt, und die Betrogenen nehmen das in Würde hin.

          Das wird interessant, wenn man bedenkt, dass darin ein extremer Kontrast zu unserer Gegenwart steckt; in der es mehr und mehr um radikale Enthüllungen und Urteilssprüche geht, die Konkurrenten innerhalb kürzester Zeit für immer ausschalten können. Ein einziger Fehler kann Karrieren ruinieren, ein missverständlicher Tweet dein ganzes Leben.

          Die Rückkehr des Prangers

          Der Journalist Jon Ronson hat ein Buch über diesen reaktionären Mechanismus verfasst, „So You’ve Been Publicly Shamed“, in dem es um etwas geht, das man als „Selbstjustiz im Bürgerwehr-Stil“ übersetzen könnte. Ronson beginnt seine Abhandlung mit einer Geschichte aus seinem eigenen Leben. Drei Internetforscher erstellen einen als Sozialexperiment getarnten Twitteraccount unter Ronsons Namen und fangen an, zwanzig Mal am Tag obskure Statements mit dem hashtag #foodie zu veröffentlichen, meistens über Wasabidumplings, manchmal auch über Schwänze.

          Ronson bekommt Angst, dass seine Freunde den Account tatsächlich für seinen eigenen halten könnten – er konfrontiert die Männer vor laufender Kamera und lädt das Video auf Youtube hoch, woraufhin die Kommentatoren prompt einen überbordernden Shitstorm gegen die vermeintlichen Betrüger lostreten. „Gas the cunts. Especially middle cunt. And especially left-side bald cunt. And especially quiet cunt. Then piss on their corpses.“

          Zuerst hält Ronson das für soziale Gerechtigkeit, dann fängt er an, den Verlauf der Internetwut zu analysieren. Er besucht in Ungnade gefallene Opfer von Shitstorm-Selbstläufern, Justine Sacco zum Beispiel, die wegen eines zu radikal formulierten Aids-Witzes auf Twitter innerhalb von elf Stunden ihren Job, ihre Glaubwürdigkeit und die Gunst ihrer Familie verloren hat.

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