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Hochstapler und Autisten : Wir sind alle Felix Krull

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Der Zustand der Kommissarin

Bei dieser neuen, glorifizierten Form von Autismus handelt es sich nicht um unberechenbare Asperger-Kids, die schon im Vorschulalter masturbierend am Kronleuchter hängen. Es geht um zurückhaltende Außenseiter, die nicht lügen können und ihre Fähigkeiten wegen irgendeines irrationalen Pflichtbewusstseins in den Dienst der Allgemeinheit stellen. Sie sind hochbegabt, sich selbst egal und deshalb unsere letzte Rettung.

Ein Paradebeispiel dafür ist Saga Noren. Sie ist die leitende Ermittlerin in der skandinavischen, unfassbar guten Erfolgskrimiserie „Die Brücke“, in der es um die Zusammenarbeit zwischen dänischer und schwedischer Polizei im Kampf gegen global-politischen Terrorismus geht. In Staffel eins, 2011 erstmals ausgestrahlt, wird in der Mitte der Örseundbrücke, genau auf der Grenze zwischen beiden Ländern, eine in zwei Teile geschnittene Leiche gefunden.

Es folgt eine akribisch durchgeplante Mordserie in fünf Etappen, die in der öffentlichen Wahrnehmung auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen soll und sich am Ende doch nur als persönliche Racheaktion eines Psychopathen heraus stellt.

In Staffel zwei wird die Brücke von einem Frachter gerammt, auf dem fünf mit Lungenpest infizierte Jugendliche gefunden werden. Es folgen willkürliche Vergiftungen und Anschläge, getarnt als Aktionen einer Umweltschutzorganisation – und am Ende doch wieder nur das Selbstbehauptungstool eines verkorksten Geisteskranken.

Es geht um den Kampf zwischen Gut und Böse. Und das Böse wird in beiden Staffeln von einer verrückt gewordenen Einzelperson verkörpert, deren durchaus realistisches Ziel die Ausrottung der Menschheit ist. Man muss nur halbwegs intelligent sein und berechnet haben, dass das Leid, das einem die Welt angetan hat, auf zwanzigtausend tote Zivilisten hinauslaufen soll. Ob Hackerangriffe, die das komplette Stromnetz Europas lahmlegen können, oder Bio-Waffen – plötzlich kann ein Einzelner der kompletten Weltbevölkerung große Schwierigkeiten bereiten. Das ist beunruhigend.

Und das Gute, das uns rettet, muss ein neuer Persönlichkeitstypus sein, der aufgrund einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung anders funktioniert als der Rest der Menschheit: Saga Noren, die autistische Kommissarin. Sie ist direkt, völlig unparteiisch und unmanipulativ, hat keine Ahnung von Sekundärtugenden und eine geistig verwirrte Klarheit vorzuweisen, die sie auf die abwegigsten Lösungsansätze kommen lässt – ihr dänischer Kollege Martin bildet das perfekte Gegenstück zu ihrer sozialen Unbeholfenheit und komplettiert damit etwas, das ich „die Revolution der Geschlechter im Film“ nennen würde: Während der Mann moralisch betrübt im Hintergrund steht und sich von Sorgen zerfressen lässt, hat die Frau den schnellen Vintage-Porsche, Schnupftabak, braune Lederhosen und ein Durchsetzungsvermögen, das sie zum Superhelden macht.

Die Diagnose der Psychologen

Sie ist unmöglich zu ihren Mitmenschen, behandelt sechsjährige Entführungsopfer wie erwachsene Verbrecher, kann nicht lachen, versteht keine Ironie; anstatt mit ihrem temporären Boyfriend zu kuscheln, liest sie Beziehungsratgeber, und als die Beziehung scheitert, erklärt sie ihrem Chef auf die Frage, wie sie sich fühle, dass sie enttäuscht sei, weil sie „viel Zeit investiert“ und sich ein „besseres Ergebnis erhofft“ habe.

Die Autoren der Serie haben sich nie auf eine konkrete Diagnose der Figur festnageln lassen, das Publikum einigt sich auf „Asperger“, britische Psychologen ordnen Sagas Geisteszustand zwar als selten, aber trotzdem irgendwo auf der Skala der sogenannten „Autismus-Spektrum-Störung“ ein.

Die Schauspielerin Sofia Helin erzählt dem „Guardian“, sie habe Angst gehabt, dass die Rolle den Zuschauern zu unsympathisch sein und sie schlichtweg nerven könnte – das Gegenteil ist eingetreten. Man wird süchtig nach ihrer Entrücktheit und ihrem viel zu niedrigen EQ. Denn ihr mangelnder Ehrgeiz, sich als Individuum zu behaupten, scheint das Einzige auf der Welt zu sein, auf das man sich noch verlassen kann.

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