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Hochstapler und Autisten : Wir sind alle Felix Krull

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Und er wirft die Frage auf, was ein Comeback der öffentlichen Anprangerung für unsere Kultur bedeutet, wenn sie absolut jeden treffen kann. Die stille Mehrheit bekommt im Internet eine Stimme. Doch diese Stimme sucht bloß selbstbestätigende Fehler im Verhalten von Einzelpersonen, sie will die Grenzen der Normalität neu definieren, indem sie das Leben derer zerstört, die mal kurzzeitig von ihr abgewichen sind.

Was hat das nun mit Felix Krull zu tun? Ziemlich viel, wenn man bedenkt, das Felix Krull keine Ausnahmeerscheinung und kein Held mehr ist, sondern der Standard. Wir alle sind er, manche mehr, manche weniger erfolgreich, doch die Versuchsanordnung in unserem Streben nach Selbstverwirklichung ist immer dieselbe. Hochstapelei ist eine Anforderung an den modernen Menschen. Wir leben in einer Welt der Hochstapler, wir alle müssen zwangsläufig zu Hochstaplern werden, um voran zu kommen.

In jedem Frauenmagazin steht, dass man, um das zu werden, was man sein will, erstmal so tun muss, als wäre man es schon. Im Smalltalk zu brillieren, also seine Außenwirkung gut genug im Griff zu haben, um sein Gegenüber hinter der Fassade eine authentische und weltgewandtes Persönlichkeit vermuten zu lassen, ist wichtiger, als tatsächlich irgendeine Persönlichkeit zu entwickeln.

Die Sehnsucht nach dem Zweckfreien

Fotos werden nicht einer abgedrifteten Stilisierung wegen bearbeitet, sondern um sie durch die Beseitigung von Störfaktoren natürlicher aussehen zu lassen. Authentizität ist der größte Fake überhaupt, die Herstellung von Glaubwürdigkeit die schwierigste schauspielerische Leistung, der Satz „sei einfach du selbst“ der mörderische Leitfaden einer neuen Weltordnung, und die Religion ist nicht der Wissenschaft gewichen, sondern dem Glauben an sich selbst und daran, bis aufs Äußerste etwas anderes tun zu können, als sich Gott oder höheren Gewalten hinzugeben – so was Ähnliches hat der Theologe William James schon Anfang des letzten Jahrhunderts formuliert. Wir sind Einzelkämpfer.

Angepasst in allen Lebenslagen: Horst Buchholz als Titelheld in der Verfilmung von Thomas Manns Roman „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“  aus dem Jahr 1957

Sensibilisiert für unsere Mechanismen der Hochstapelei, tun wir alles, um andere potentielle Hochstapler zu entlarven. Macht ein Konkurrent nur den kleinsten Fehler in der Selbstverschleierung, ist das ein Grund, ihn zum Verbrecher zu degradieren und für einen gewissen Zeitraum seiner Glaubwürdigkeit zu berauben. Intimbeziehungen und Familienbande werden real unter die Kapitalbewegung subsumiert, sie verlieren ihre Grundlagen. Damit ist jeder ein Konkurrent. Und jedes Handeln muss sich irgendwie rechnen.

Gleichzeitig sehnen wir uns mehr denn je nach allem Zweckfreien, das sich nicht rechnet und nur um seiner selbst willen existiert. Wir wollen um unserer selbst willen gemocht werden und nicht, weil wir viel Geld haben oder große Brüste, wir wollen bedingungslose Liebe und sportliche und geistige Höchstleistungen erzielen, die absolut keinem kapitalistischem Kalkül unterworfen sind. Wir wollen grenzenlosen Luxus, Verschwendung, den Rausch, weil wir Instrumentalisierung hassen. Und trotzdem beruhen unsere obligatorischen Erfolgsgeschichten darauf, dass alles und jeder instrumentalisiert wird.

Wenn Felix Krull kein Held mehr ist, sondern zumindest unbewusst dem Richtmaß einer strebsamen Persönlichkeit entspricht, braucht man als neuen Helden den Gegenentwurf zu seiner Existenz: Menschen, die sich aufgrund von pathologischer Selbstvergessenheit einer Sache verschreiben, ohne dass es dabei auch nur ansatzweise um ihr persönliches Fortkommen geht.

Isolierte Wissenschaftler, talentierte Sänger, die aus Angst vor der Öffentlichkeit keinen Plattenvertrag unterschreiben, oder sechsjährige Inselbegabte, die zwar kaum kommunizieren können, aber dafür gut rechnen oder fotorealistisch Bilder vom Regenwald abzeichnen. Das Idealbild eines aufrichtigen, der Gesellschaft nützlichen Menschen ist nur noch durch einen gewissen Grad an krankhafter Abweichung zu erreichen.

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Trailer : „Parasite“

„Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

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