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Hochschule für Gestaltung : Kleine Offenbacher Weltgeschichte

Studenten der HfG Offenbach illustrieren das Feuilleton zum Thema Offenbach. Bild: Timon Osche

Die Hochschule für Gestaltung macht den Blick auf die Stadt beweglich – und Offenbach dank ihrer Absolventen und Professoren weltweit bekannt.

          Vielleicht hätte Haftbefehl auch von Pforzheim aus berühmt werden können, faktisch wurde er es durch Offenbach. Die Stadt mit dem höchsten Ausländeranteil Deutschlands und der höchsten Hartz-IV-Quote Hessens wird in den Medien gern als deutsche Bronx bezeichnet. Haftbefehl, der gefeierte Straßenrapper, hat sich um das Klischee verdient gemacht: „Offenbach bleibt hart / Hermann-Steinhäuser-Straße/Büsing-Park / Bruder, dieser Ort brennt.“

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Tut er das? Der Büsing-Park ruht an diesem Tag friedlich, die Hermann-Steinhäuser-Straße döst vor sich hin. Einige Straßen weiter liegt das Büro von Kai Vöckler, Professor für Urbanität im kreativen Kontext an der Hochschule für Gestaltung, kurz HfG. Vöckler hat das Verhältnis von Kunst, Stadt und Rap in einer Monographie untersucht. „In dieser schönen, friedlichen Stadt“, sagt er genüsslich und fährt fort, das Klischee zu zerpflücken, bis es sich am wolkenlosen Juni-Himmel zerstäubt. Vöckler bescheinigt Offenbach ein besonderes Integrationsgeschick. Kein Little Italy, kein Klein Istanbul, keine der 157 ethnischen Gruppen, auch das ein Deutschland-Rekord, dominiert die Stadt. Die Kriminalitätsrate liegt irgendwo zwischen Freiburg und Bonn. So viel zum brennenden Offenbach.

          Natürlich sind Rap-Posen leichte Beute. Offenbar ist die Stadt aber ein gutes Pflaster für die Kunst, was einerseits an den billigen Mieten liegt, die Offenbach für Künstler erschwinglich macht, und zweitens an der ethnischen Mischung, die laut Vöckler eine besondere Stimmung des Einander-gewähren-Lassens schafft: Was Kunst und Stadt verbinde, sei die gesteigerte Erfahrung des Fremdseins. Die geteilte Fremdheit, schreibt Vöckler in einer versöhnlichen Formel, werde zur gemeinsamen Geschichte der kleinen Weltstadt Offenbach.

          Feuilleton-Spezial zu Offenbach
          Die Avantgarde-Stadt am Main

          Feuilleton-Spezial zu Offenbach

          Offenbach war jahrzehntelang ein anderer Name für Niedergang. Aber das hat sich geändert: Offenbach ist ein interessantes und für viele mittelgroße Städte modellhaftes Soziotop. Wir haben ihm ein ganzes Feuilleton gewidmet.

          Offenbach-Feuilleton

          Die HfG liegt mitten im Zentrum von Offenbach mit dem Rücken zur Stadt, kündigt sich aber schon von weitem an. Wenn man vom Westen her über das Mainufer auf sie zufährt, schiebt sich zwischen Bauzäunen, Industriebrachen und Nobelquartieren, die in die Stadt wachsen, der Schriftzug Universum ins Blickfeld, ohne dass ein Namensträger in Sichtweite wäre. Die HfG-Absolventen Wiebke Grösch und Frank Metzger haben ihn entworfen und in der Schrift Futura in den Raum gestellt. Eigentlich eine Reminiszenz an ein in den Neunzigern geschlossenes Lichtspielhaus, gibt der retrofuturistische Schriftzug heute die Möglichkeit, sich als Teil eines größeren Ganzen zu erfahren. Die Stadt hat ihren Wert erkannt und gibt sich kokett.

          An der kleinen Offenbacher Weltgeschichte hat die HfG mehrere Seiten mitgeschrieben. Überall finden sich Spuren, am Industriehafen, an dem nachts der von den HfG-Absolventen Sebastian Herkner, Reinhard Dienes und Peter Eckart illuminierte und noch heute betriebene Kran des Offenbacher Heizkraftwerks sein Licht in wechselnden Farbmustern über die Stadt wirft. Oder an den Offenbach Hills, einer Grünanlage im Stadtzentrum, in der der berühmte Hollywood-Schriftzug mit den Buchstaben von Offenbach nachgestellt ist, eine halbironische Hommage an das gewachsene Selbstbewusstsein des Underdogs.

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