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Zum Tod von Fuat Sezgin : Arabiens Beitrag

Fuat Sezgin, 1924 bis 2018 Bild: Wolfgang Eilmes

Kaum einer drang so tief in das Geistesleben der islamischen Zivilisation und ihre Quellen ein wie er. Zugleich war die Außenwirkung des Frankfurter Orientalisten enorm. Zum Tod von Fuat Sezgin.

          Es gab keine Bibliothek mit Manuskripten aus der islamischen Welt, in der Fuat Sezgin nicht geforscht hätte. In seinem langen Gelehrtenleben war er vom Willen getrieben, sich ein Bild von den wissenschaftlichen und technischen Leistungen, aber auch vom Geistesleben der islamischen Zivilisation zu verschaffen. Er suchte nach arabischen, persischen und osmanischen Handschriften, die vor ihm niemand zur Kenntnis genommen hatte. Er las sie, faksimilierte und edierte Hunderte von ihnen, und vor allem stellte er sie in seinen Monographien, die längst Standardwerke sind, in einen Kontext.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Der unermüdlich arbeitende Sezgin war weit über neunzig Jahre alt, als noch an jedem Tag der Woche im Frankfurter Westend verlässlich sein Auto vor dem Institut für die Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften stand, das er 1982 gegründet hatte. Dort verfasste er 17 Bände der „Geschichte des Arabischen Schrifttums“, in denen er Manuskripte thematisch auswertete. Zudem gab er 21 Bände der „Zeitschrift zur Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften“ heraus.

          Was wie ein langes akademisches Leben im Elfenbeinturm wirken mag, hatte eine Außenwirkung, wie sie wenigen anderen Orientalisten vergönnt ist. Denn Sezgin, der sich 1965 in Frankfurt im Fach Geschichte der Naturwissenschaften habilitierte, ließ auf der Grundlage der Manuskripte achthundert Objekte nachbauen, die überzeugend illustrieren, welches überragende Niveau die arabisch-islamische Wissenschaft in ihrer Blütezeit erreicht hatte. Diese Objekte decken 14 Bereiche ab, darunter die Astronomie und Architektur, die Mathematik und Medizin, ebenso Geographie, Physik und Chemie. 2003 erschien der fünfbändige Katalog zur spektakulären Frankfurter Sammlung. Unverständlich ist, dass es der Universität Frankfurt bis heute nicht gelungen ist, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

          Arabiens Beitrag

          Zu sehen sind viele Objekte jedoch an anderen Orten, etwa in Istanbul und in Sharjah. Sezgin vergrub sich nie allein der Forschung wegen in die Manuskripte. Den Politikern sagte er, ohne Anschaulichem werde es ihnen nicht gelingen, den Westen und die islamische Welt einander näher zu bringen. Mit Unterstützung der türkischen Regierung konnte er 2008 im Istanbuler Gülhane-Park unterhalb des Topkapi Serails ein Museum gründen. Dort sind Kopien von mehreren Hundert der Frankfurter Objekte zu bestaunen.

          Sezgin legte großen Wert darauf, dass in dem Museum der Beitrag sichtbar wird, den die europäischen Orientalisten bei der Wiederentdeckung der arabisch-islamischen Zivilisation geleistet haben. Vehement verteidigte er den Grundsatz von der Einheit der Wissenschaften und vom wissenschaftlichen Erbe der Menschheit, das in Schüben wachse. Seine Aufgabe sah er darin, den Beitrag der Araber zu universalen Wissenschaftsgeschichte aufzudecken.

          Den größten Teil seines Lebens verbrachte Sezgin in Frankfurt. Geboren wurde er 1924 im ostanatolischen Bitlis. Von 1943 bis 1951 studierte er in Istanbul bei Hellmut Ritter, der am Bosporus Zuflucht vor den Nationalsozialisten gefunden hatte. Nach Deutschland kam er 1961, als die türkischen Putschisten 147 Professoren entlassen hatten.

          Überschattet wird Sezgins großes Lebenswerk von einer Auseinandersetzung, die im Mai 2017 begann. Er und seine Frau Ursula beschlossen, ihre private Bibliothek mit 25000 Bänden der neuen Bibliothek zu vermachen, die neben dem Istanbuler Museum entsteht. Nur ein Drittel des Bestands kam in Istanbul an, der deutsche Zoll beschlagnahmte ein Drittel, ein Drittel blieb in Frankfurt. Sezgins Büro wurde versiegelt. Das Manuskript zum 18. Band der „Geschichte des Arabischen Schrifttums“, das der Philosophie gewidmet sein sollte, wurde ihm in seiner Anwesenheit, wie alles andere auf seinem Schreibtisch, abgenommen und nie zurückgegeben. Ein strafrechtliches Verfahren sprach ihn vom Vorwurf frei, die nach Istanbul gebrachten Bücher unterschlagen und aus öffentlichen Beständen entwendet zu haben. Ein weiteres zivilrechtliches Verfahren entlastete ihn vom Vorwurf, er habe „nationales Kulturgut“ ins Ausland schaffen wollen. Dennoch konnten er und seine Frau nicht über ihre Bibliothek verfügen.

          Am Wochenende ist Fuat Sezgin, einer der großen Orientalisten der Gegenwart, im Alter von 93 Jahren in Istanbul gestorben. Am Sonntag wurde er im Gülhane-Park vor dem Museum, das mit den von ihm gestifteten Objekten einen neuen Blick auf die arabisch-islamische Zivilisation eröffnet, beigesetzt.

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