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Zukunft der Rechtschreibung : Genderstern am Himmel?

Leiterin der Dudenredaktion und Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung: Kathrin Kunkel-Razum Bild: dpa

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat sich gegen ein einzelnes Zeichen für alle Geschlechter entschieden. Wie geht es jetzt weiter mit dem Gendern? Die Chefredakteurin des Dudens im Interview.

          Was hat der Rat für deutsche Rechtschreibung, dem Sie angehören, am Freitag bei seinem Treffen in Passau entschieden? Was empfiehlt er in Sachen „geschlechtergerechte Sprache“?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Kathrin Kunkel-Razum: Man hat sich dafür entschieden, kein einzelnes Zeichen, also etwa den Genderstern oder den Unterstrich, zu empfehlen. Es gibt eine allgemeine Empfehlung des Rats, in der wir ausführen, welche Kriterien an eine entsprechende Schreibung angelegt werden sollten. Wir konstatieren, dass es schon jetzt verschiedene Möglichkeiten für eine Schreibweise gibt, die allen Geschlechtern gerecht wird, tragen aber dem unterschiedlichen Tempo dieser Entwicklung in den einzelnen deutschsprachigen Ländern Rechnung. Deutschland ist dabei sehr weit vorn, Liechtenstein oder Österreich weniger.

          Lässt man damit alles beim Alten?

          Im Prinzip ja. Darüber hinaus wollen wir beobachten, wie die Entwicklung weiter voranschreitet. Sie steht aus unserer Sicht noch am Anfang, könnte sich aber, auch durch die Verfassungsgerichtsentscheidungen in Deutschland und Österreich zum dritten Geschlecht im Geburtenregister, beschleunigen.

          Wie bewerten Sie das Abwarten? Sie gelten als Befürworterin des Genderns.

          Ich finde, entgegen der Haltung, mit der ich in diese Sitzung hineingegangen bin, dass das ein tragfähiger Kompromiss ist. Es hat sich abgezeichnet, dass hier sehr unterschiedliche Interessen der einzelnen Vertreter aus den deutschsprachigen Ländern zu berücksichtigen sind. Wir hatten in den vergangenen Monaten vielleicht etwas zu stark die deutsche Brille auf, aber der Rat steht ja nicht nur für Deutschland.

          Welche Auswirkungen hätte es auf Schulen und staatliche Stellen gehabt, wenn der Rat den Genderstern empfohlen und die Kultusministerkonferenz dem zugestimmt hätte?

          Es ging nie darum, den Stern verpflichtend einzuführen. Das liegt nicht in der Kompetenz des Rates, wir sind nur für die Rechtschreibung zuständig. Es ging lediglich um die Frage, ob der Stern in den von Ihnen genannten Institutionen zu tolerieren wäre. Das hieße, dass er beispielsweise in der Schule nicht als Fehler angestrichen würde. Es ging aber nie um die aktive Vermittlung im Unterricht. Es würde auch nicht genügen, wenn nur die deutsche Kultusministerkonferenz zugestimmt hätte, was übrigens einstimmig geschehen müsste. Auch die zuständigen Regierungsstellen der anderen im Rat vertretenen Länder – Österreich, Schweiz, Liechtenstein, Südtirol und Belgien – müssten ihre Zustimmung geben. Das ist ein kompliziertes Prozedere.

          Sollte aus Ihrer Sicht der Genderstern toleriert werden?

          Ich persönlich finde, dass er ein gutes Zeichen ist. Nach den Kriterien des Rates müsste er zum Beispiel verständlich sowie lesbar oder vorlesbar sein. Wobei ich denke, dass die Verständlichkeit irgendwann keine Schwierigkeit mehr darstellen wird. Man gewöhnt sich auch an andere Zeichen, wobei das Sternchen ja nichts weiter als ein Platzhalter für „alle“ Geschlechter ist. Was die Vorlesbarkeit angeht, muss man bedenken, dass Zeichen, die nicht eins zu eins vorgelesen werden können, keine Seltenheit in Texten sind, denken sie an „usw.“. Diese Abkürzung kann man auflösen. Und auch das Sternchen könnte man in verschiedene Formen auflösen. Für mich ist die Entwicklung sehr offen. Wohin sie führt, vermag ich nicht zu sagen. Wir können das nur beobachten, es gibt keine normgebende Institution für die deutsche Sprache außerhalb der Rechtschreibung.

          Stimmt der Eindruck, dass das Gendern bisher vor allem in der universitären Welt praktiziert wird?

          Verlässliche Aussagen können wir dazu auf Grundlage der gängigen Corpora bisher nicht machen. Schaut man gezielt in universitäre Texte, dann gibt es da aber eine überdurchschnittliche Häufung. Der Genderstern ist ja auch im akademischen Kontext entstanden. Aber auch darüber hinaus gibt es, etwa bei einer Krankenkasse, die Frage, wie jemand anzusprechen ist, der weder männlich noch weiblich ist. Das Ganze ist ein Aushandlungsprozess.

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