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Länder müssen handeln : Im Schulabbruch liegt Systemversagen

  • -Aktualisiert am

Unergründetes Problem: Warum wir in Deutschland so häufig die Schule abgebrochen? Bild: Picture-Alliance

Viel zu viele Schüler schaffen nicht einmal den Hauptschulabschluss. Das Problem wird unterschätzt. Doch damit sich wirksam gegensteuern lässt, müssen die Gründe genauer erforscht werden.

          Auch wenn die Zahlen der Caritas über Schulabbrecher zum Teil überhöht und wenig valide zu sein scheinen: Es gibt in Deutschland viel zu viele Schüler, die nicht einmal einen Hauptschulabschluss schaffen. Das hehre Ziel des Dresdner Bildungsgipfels aus dem Jahr 2008, die Zahl der Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss bis zum Jahr 2015 auf vier Prozent zu senken, ist in fast allen Ländern verfehlt worden. Oft ist das Gegenteil der Fall: Die Schulabbrecherquoten sind in die Höhe geschnellt. Im Schulabbruch zeigt sich ein Systemversagen, für das es bisher keine Lösung gibt.

          Sachsen-Anhalt und Berlin machen mit mehr als elf Prozent Schulabbrechern Negativschlagzeilen. In Berlin schafft jeder Zehnte keinen Hauptschulabschluss, jedem Zweiten gelingt das Abitur. Hessen steht mit der bundesweit niedrigsten Schulabbrecherquote von fünf Prozent an der Spitze der Bestenliste. Im Bundesdurchschnitt verlassen 6,5 Prozent der Schüler die Schule ohne Abschluss. Eine für alle Länder gültige Erhebung, die genau unterscheidet, ob Schüler ihren Hauptschulabschluss nur ein Jahr später machen oder ihn als Förderschüler nicht erreichen, gibt es nicht. Dazu wären Erhebungen über Bildungsverläufe nötig. Derzeit legt jedes Land andere Kriterien zugrunde, um sich die eigenen Zahlen schönzurechnen. In den Kultusministerien will man nämlich nicht so genau wissen, wie viele Schulabbrecher es tatsächlich gibt, weil sich schulpolitisches Scheitern nirgendwo deutlicher zeigt. Es überrascht deshalb nicht, dass sich auch keine belastbaren Studien über die wahren Gründe des Schulabbruchs finden – die gibt es nur in den Vereinigten Staaten.

          Der Hinweis auf Flüchtlingsströme allein taugt nicht als Begründung des jüngsten Anstiegs, sondern lenkt von den vielen möglichen Ursachen nur ab. Jeder Schulabbruch hat eine Vorgeschichte. Sie beginnt meist damit, dass Hausaufgaben nicht gemacht, einzelne Stunden, dann ganze Schultage, später auch Wochen geschwänzt werden. Die Eltern merken davon häufig nichts, weil ihre Kinder morgens das Haus pünktlich verlassen und nachmittags zurückkehren. Nur waren sie nicht in der Schule.

          Sichere Erhebungen müssen ermöglicht werden

          In Brennpunktschulen gibt es deshalb Sozialarbeiter, die täglich die Anwesenheit kontrollieren, die Eltern anrufen, notfalls auch aufsuchen und die Gründe für die Abwesenheit zu ergründen versuchen. Doch dann ist es häufig schon zu spät. Scheidung oder Trennung der Eltern, aber auch der Tod naher Familienangehöriger sowie familiärer Dauerstreit können einen Schulabbruch begünstigen. Viele Schüler befinden sich durch überehrgeizige Eltern auf der falschen Schulform und fliehen deshalb vor den täglichen Niederlagen im Klassenzimmer. Möglicherweise ließe sich Schulabbruch auch durch einen Test am Ende der Grundschule und eine verpflichtende Beratung vermeiden. Viel seltener gehören Hochbegabte zu den Schulabbrechern, weil sie sich chronisch unterfordert fühlen und deshalb langweilen. In der neudeutschen Fachsprache werden sie Underachiever genannt. Sie zeigen trotz überdurchschnittlicher Intelligenz erwartungswidrig schlechte Schulleistungen.

          Zunehmend aber meiden Kinder und Jugendliche die Schule, weil sie von Klassenkameraden gemobbt werden. Eine aktuelle Studie des Bundesfamilienministeriums zeigt, dass das Mobbing an Schulen seit dem Aufkommen der sozialen Netzwerke enorm zugenommen hat. Wer einmal mit kompromittierenden Fotos, Verleumdungen und Unterstellungen durch Facebook, Instagram und Co. gejagt wurde, der fühlt sich auf Dauer gebrandmarkt, weil das Internet nichts vergisst. Viele Schüler wagen es nicht, sich ihren Lehrern oder Eltern zu offenbaren. Und die Forderung nach aufmerksamen, diagnostisch sicheren Lehrern bleibt so lange illusorisch, wie es zunehmend Quer- und Seiteneinsteiger gibt, die mit viel elementareren Schwierigkeiten im Klassenraum zu kämpfen haben.

          Auffallend ist, dass in Stadtteilen mit sehr hohem Migrantenanteil wie Berlin-Neukölln mit 15,9 Prozent die Schulabbrecherquote fast dreimal so hoch ist wie in anderen Bezirken. Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen einer zunehmend schwierigen und heterogenen Schülerschaft aus Migrantenfamilien mit hoher Geburtenrate und niedrigem Bildungsstand der Eltern. Viele eingewanderte Eltern erwarten von der Schule, dass sie für den Bildungserfolg ihrer Kinder geradesteht, sehen aber nicht ein, dass sie auch selbst etwas dazu beitragen müssen. Das beginnt bei ganz elementaren Voraussetzungen wie einem ruhigen Arbeitsplatz für Hausaufgaben, Interesse am Schulalltag und bei Anstrengungsbereitschaft. Hinzu kommt, dass die Schule von manchen – vor allem streng muslimischen Eltern – als Gefährdung für die eigene kulturelle Identität gesehen wird.

          Wer keinen Schulabschluss vorweisen kann, bekommt keine Ausbildungsstelle und landet langfristig im Nirwana des Übergangssystems und in der Sozialhilfe. Das darf den Ländern nicht egal sein. Sie sollten deshalb dringend datenschutzrechtlich sichere Erhebungen ermöglichen und die Gründe für Schulabbruch erforschen. Nur dann lässt sich wirksam gegensteuern.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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